Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.12.2017


Kunst

Der Stoff, aus dem die Räume sind

In der künstlerischen Praxis der gebürtigen Osttirolerin Margret Wibmer wird Kleidung zur Membran zwischen Körper und Raum. Ein Porträt.

© Margret WibmerStill aus dem Performance-Video „Infinite Play“ von Margret Wibmer, das derzeit in der Wörgler Galerie am Polylog zu sehen ist.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Steigt man hinein wie in eine Hose? Sind die kreisrunden Öffnungen für Arme, Beine oder Kopf gemacht? Es gibt keine Anleitung für die Verwendung des aufwändig genähten, weißen Kleidungsstücks, das Margret Wibmer unterschiedlichen Performern in die Hände gibt. Ihre Handlungen, mehr noch ihre Körper machen den Stoff zum Raum und den Raum wiederum zu einem vom Körper definierten Umfeld – mit dem Stoff als ambiguer Schnittstelle.

Während der Pariser Fashion Week vom vergangenen Herbst wurden in deren Hauptquartier, dem Palais de Tokyo, auch Arbeiten von Künstlern gezeigt, die im Spannungsfeld zwischen Kunst und Mode arbeiten, darunter Margret Wibmers Performance „Infinite Play“. Mit ihr eröffnete auch die derzeit laufende Ausstellung „Un Dress“ in der Galerie am Polylog, Wibmers Videoarbeit „Infinite Play“ ist dort ebenso zu sehen. Man hat hierzulande schon länger nichts mehr von der aus Matrei in Osttirol stammenden, seit 1990 in Amsterdam lebenden Künstlerin gesehen. Ein Versäumnis, wie die Wörgler Schau zeigt.

Es geht in Wibmers Fotografien, Objekten und Performances nicht allein um die Kleidung als (mitunter technologisch aufgetunte) Membran zwischen Körper und Raum. Ihr Blick, etwa auf die Objektisierung der Frau, ist durchaus auch feministisch geprägt, die Auseinandersetzung mit Körper und Silhouette im bewussten Gegensatz zu jener des Modedesigns angelegt. Wobei ihr ursprüngliches Berufsziel, so Wibmer im TT-Gespräch, eigentlich die Mode war. Was mit dem privaten Umfeld in ihrer Kindheit in Matrei zu tun hat: „Meine Mutter ist Trachtenschneiderin. Ich bin also aufgewachsen mit Kleidung, mit Stoffen, auch dem Wissen um Stoffe.“ Den Wunsch, Mode zu machen, habe die Mutter ihr aber ausgeredet. Mit dem Argument, heute werde sowieso „alles in den Fabriken gemacht“. „Das war in den Siebzigerjahren!“, lacht Wibmer. Sie geht schließlich an die Wiener Angewandte und dort in die Keramik-Abteilung, fühlt sich aber rasch eingeengt vom ständigen Kreisen um die Form, will das „Perfekte, die Oberfläche und eben auch die Form zerbrechen“, macht Frisbee-Scheiben aus Ton und schmeißt sie im Karl-Marx-Hof an die Wand.

„Ich wollte das im Fashion Design dominierende Verhältnis zum Körper aufbrechen“: Margret Wibmer im TT-Gespräch.
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Es zieht Wibmer bereits 1983 wieder aus Wien und von der Angewandten weg nach New York, wo sie als Assistentin von Konzeptkünstler Sol Lewitt zu arbeiten beginnt. Als prägend bezeichnet sie heute auch die Begegnung mit den textilen Arbeiten des deutschen Kunst-Einzelgängers Franz Erhard Walther. Sie trafen bei Wibmer einen Nerv, trieb sie doch selbst die Frage um, wie sie Stoffliches mit dem Körper und schließlich auch mit Skulpturalem verbinden könne. Eine frühe Antwort Wibmers ist ein gelber Gummianzug, gleichsam der Prototyp auch für spätere Arbeiten, in denen Wibmer den eigenen Körper mithilfe einer zweiten Haut zur Skulptur wie auch zum Interaktionsinstrument macht. In Amsterdam, wo sich Wibmer – inzwischen Mutter einer Tochter – 1990 niederlässt, gründet sie das Label IMOTO als Plattform für experimentelle Interventionen.

Wer wie Wibmer im Kontext von Kunst und Mode arbeitet, hat eine lange und wechselvolle Beziehungsgeschichte im Rücken. Der Flirt zwischen den beiden Disziplinen währt mehr als hundert Jahre lang, man könnte zum Beleg dafür etwa die Surrealisten heranziehen. Oder Achtzigerjahre-Kunstfiguren wie Leigh Bowery. Man könnte aber auch die von Jeff Koons zuletzt für ein Luxuslabel gestalteten Taschen aus den tiefen Abgründen der Kommerzialisierung hervorholen. Davon ist man hier freilich weit entfernt: Wibmer spielt in ihren Fotoarbeiten zwar mit den visuellen Codes der Modeindustrie und orientiert sich an deren Hochglanz-Ästhetik, letztlich schlummert hinter der Fassade aber auch die Frage nach der Darstellung des Weiblichen und dem Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt. Letzteres kommt in ihren oftmals surrealen Collagen zum Beispiel als antiquiertes Gebrauchsobjekt daher, etwa in Gestalt einer Trockenhaube. In der Serie „50 Degrees Celsius“ taucht neuerdings auch die Osttiroler Heimat der Künstlerin auf. Was, so Wibmer, nicht als Rückbesinnung auf die eigene Herkunft zu verstehen sei, sondern vielmehr als eine Folge ihrer jüngsten Beschäftigung mit dem Feld der „Fashion Research“ und damit den Umbrüchen, vor denen die Modeindustrie steht. Entwicklungen, die Wibmer in die Veränderungsprozesse der alpinen Landschaft spiegelt. Die Faszination für das Handwerkliche und Stoffliche tritt wiederum dort zutage, wo die skulpturale Qualität eines Faltenrocks zusammen mit einer alten Telefonkonsole zum Kunstobjekt geadelt wird.

Für die Wörgler Ausstellung hat Wibmer sich als Gegenüber die junge britische Künstlerin Anna Baumgart gewünscht, deren dezidiert körperliche Auseinandersetzung mit Passformen – etwa eines Büstenhalters – oder mit der Häutung einer Erbse zeigt, auf wie vielen Ebenen das Spannungsfeld zwischen Kunst und Mode ausgelotet werden kann.