Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.12.2017


Kunst

Der Lärm der Stille in Kafkas Bau

Wie sich Künstler mit Motiven des Verschwindens und der digitalen Bilderflut auseinandersetzen, zeigt „Hidden :: Display“ in der Neuen Galerie.

© WEST.Fotostudio/David SteinbacheGrafiken von Bernhard Kathan (l.) und Dioramen von Steinbrener/Dempf & Huber.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Für eine Ausstellung, die sich mit den Strategie­n des Zeigens oder vielmehr des Nicht-Zeigens auseinanderzusetzen verspricht, ist bei Steinbrener/Dempf & Huber ganz schön viel los: Es greifen die Docks von San Francisco über colorierte Flussläufe auf historischem Kartenmaterial aus, darüber kreucht einem Naturalienkabinett aus dem 18. Jahrhundert entsprungenes Schlangengetier.

Nicht zufällig folgt das Kollektiv, bestehend aus dem Bildhauer Christoph Stein­brener, dem Fotografen und Typografen Rainer Dempf und dem Architekten Martin Huber, in seinen mehrschichtigen Collagen dem Prinzip historischer Dioramen. Waren diese Schaukästen doch ab dem 19. Jahrhundert ein beliebtes Mittel, um etwa in naturkundlichen Museen die perfekte Illusion von Naturräumen bzw. Tieren in ihren natürlichen Lebens­räumen anzubieten.

Bei Steinbrener/Dempf & Huber, zu deren bekanntesten Projekten im öffentlichen Raum jenes gehört, bei dem sie sämtliche Beschriftungen eines Wiener Straßenzugs unter gelber Folie verschwinden ließen („Delete!“, 2005), geht es eher darum, wie die Zivilisation Naturräume auffrisst. „Hidden :: Display“, der Titel der von Ingeborg Erhart kuratierten Schau in der Neuen Galerie, passt somit letztlich doch irgendwie. Es gibt allerdings in Bezug auf das Motiv des Verschwindens in der Kunst sowie auf Strategien des Zeigens auch prägnantere Positionen zu entdecken. Bernhard Kathans „Nichts und Stille. Arbeiten mit Leerstellen“ ist so eine, führt sie doch auch ein institutionelles Problem der Auslassung in der Kunst ins Feld: Was sich klassischen Präsentationsformen entzieht, bereitet dem Kunstbetrieb naturgemäß Probleme. Seit vielen Jahren betreibt Kathan sein Hidden Museum in Fraxern in Vorarlberg, 2012 lud er Besucher dorthin ein, sich ein­e Nacht lang dem Nichts und der Stille auszusetzen. Ein Angebot quasi am Puls der Zeit: In der Gesellschaft wächst das Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe, wohl auch deshalb gab es, erzählt Kathan, vorab viel­e Interessensbekundungen. Gekommen ist dann trotzdem niemand.

Info:

Neue Galerie, Rennweg 1, Innsbruck, bis 3. Februar; Freitag 29. und Samstag 30.12. sowie 3.1. bis 5.1. jeweils 11—15 Uhr, ab 10. Jänner wieder Mi-Fr bis 11—17, Sa 11—15 Uhr.

Was Kathan allein in die Rolle des Rezipienten drängte. Da saß er nun also mit von der Stille verursachten Ohrenschmerzen und mit dem Gedanken an Kafkas Erzählung „Der Bau“, die er grafisch verdichtet hat. Für Kathan selbst sind die in der Stille bohrenden und allerlei Zischlaute gebärenden 12 Blätter, die wie Ultraschallbilder daherkommen, eigentlich ein „Nebenprodukt“ des Projekts – und doch fällt ihnen jetzt die Rolle zu, dieses zu visualisieren. „Ohne Positiv wären wir nicht in der Lage, Leerstellen, Weggelassenes oder Nichtvorhandenes wahrzunehmen“, heißt es treffend in dem zur freien Entnahme aufliegenden Essay Kathans.

Die Leerstelle füllt in Bernd Oppls „Screening Room“ der Betrachter selbst, wenn er sich auf Motiv-Suche dem schwarzen Guckkasten nähert – und auf das eigene Bild zurückgeworfen wird. Wer hat da nun das Copyright? Eine Frage, die Maria Anwander und Ruben Aubrecht angesichts der digitalen Bilderflut und für den Massengebrauch produzierenden Bildagenturen beschäftigt. Ihr durchaus ironischer Kommentar: Das eigentliche Sujet verschwimmt hinter unzähligen Filtern, gestochen scharf bleibt der zwischen Bild und Betrachter gehängte Rechtehinweis.