Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.12.2017


Osttirol

Lienzerin deutet „Park der Monstren“ neu

Die Kunsthistorikerin Renate Vergeiner, gebürtige Lienzerin, lehrt an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, die heuer 150-jähriges Bestehen feiert. In ihrer neuen Publikation widmet sie sich der Interpretation von Fabelwesen.

© Peter Unterweger



Von Peter Unterweger

Lienz, Wien – Im Jahr 1867 gründete Kaiser Franz Josef I. die k. u. k. Kunstgewerbeschule, aus der die Universität für angewandte Kunst in Wien hervorging. Mit einer Ausstellung im MAK hält die „Angewandte“ Rückschau auf ihre Entwicklung. Neben einer von Peter Weibel kuratierten Schau „Ästhetik der Veränderung“ wird die Geschichte der Angewandten anhand von Exponaten nachgezeichnet, spannenderweise nicht chronologisch, sondern alphabetisch geordnet.

Mit dabei ist auch eine Osttirolerin: Seit 1992 lehrt Renate Vergeiner als außerordentliche Universitätsprofessorin an der Angewandten Kunst- und Kulturgeschichte. Als Mittelalterexpertin hat sich die Kunsthistorikerin der Entstehung des christlichen Abendlandes verschrieben.

Mit einer Schrift über den heiligen Wald von Bomarzo habilitierte sich Vergeiner 2001. Ihre Studien über diese bizarre Parkanlage der Spätrenaissance, 80 Kilometer nördlich von Rom, sind aktuell in dem Buch „Bomarzo – ein Garten gegen Gott und die Welt“ festgehalten „Ein reich bebildertes Plädoyer für die Extravaganz des freien, lustvollen Lebens“, titelt ORF-Science. Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmet der Interpretation der Kunsthistorikerin zu den Fabelwesen in dem Garten, den der italienische Adelige Vicino Orsini im 16. Jahrhundert errichten ließ, eine ausführliche Rezension.

„Den ‚Park der Monstren‘ habe erstmals ich als Metapher des Paradieses und den damit verknüpften konstituierenden Merkmalen wie Liebe, Freiheit, Spaß, Abenteuer, Identitätswechsel etc. gedeutet“, erläutert die Wissenschafterin. Diese mittlerweile als Buch vorliegende Forschung bezeichnet sie als ihr Lebenswerk.

Das Thema ihrer Doktorarbeit war die Bauplastik und der figürliche Schmuck der Stiftskirche in Innichen in der Zeit von der ersten Bauphase 769 bis ins 13. Jahrhundert. Die heutigen Grundmauern stammen aus dieser Zeit des romanischen Großbaus. Über die Bedeutung der Steinbilder, Um- und Anbauten am Dom oder die Verlegung der Löwen vom Westen in den Norden des romanischen Bauwerks kann Vergeiner trefflich erzählen.

In der Kunstszene ist sie gut vernetzt. „Über die Angewandte, die eine Schnittstelle zwischen Kunst, Technologie, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft bildet, ist es mir möglich, an einem sehr internationalen und interdisziplinären Diskurs teilzunehmen“, erklärt die Wissenschafterin.

Kunstschaffende von internationaler Bedeutung zählen zu ihrem Kreis. So war Ver­geiner im September Gast bei Daniel Spoerri, einem der wichtigsten Vertreter der Objektkunst, in dessen Anwesen in Seggiano in der südlichen Toskana. In seinem berühmten Skulpturengarten „Il Giardino“ hat er bedeutende Künstler des 20. Jahrhunderts versammelt. Auf seiner Olivenfarm pflegt er die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit bedeutenden Zeitgenossen. „Thema des Symposiums war die Natur“, berichtet Vergeiner von ihrer Einladung beim Schweizer Künstler.

Renate Vergeiner kann auch auf Publikationen mit lokalem Hintergrund verweisen: Mit einer Wanderung durch die Stadt in frühen Bildern gibt sie im Buch „Das alte Lienz“ einen geschichtlichen und kunsthistorischen Einblick ins einstige Lienzer Kulturleben. Gemeinsam mit Hannes Neuhold gestaltete Vergeiner das Buch. Außerdem ist sie Herausgeberin der Reihe „Tiroler Ansichten“, in der Bücher über die Pustertaler Höhenstraße, das Defereggen, Matrei und Lienz erschienen.

Noch bevor Vergeiner nach Wien ging, verfasste sie das Büchlein „Lienz. Ein Kulturbegleiter“ mit kompakten Informationen zur Kulturgeschichte von Lienz.

Für den Katalog, der die Ausstellung „tirol 1369“ vom Bildhauer Alois Fasching in der Kunsthalle Attersee und im Schloss Tirol begleitete, interpretierte Vergeiner das Werk des Künstlers.

„Wie die meisten Lienzer, die in Wien glücklich leben, zieht es mich dennoch und ganz stark in meine Heimat. Hier gelingt es mir, meine Wiener und Lienzer Persönlichkeit in Einklang zu bringen und Kraft für meine Projekte zu schöpfen“, bekundet die Wien-Lienz-Pendlerin Renate Vergeiner und ergänzt: „Auch das ist Kunst.“




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