Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 23.01.2018


Kunst

Der Regelbruch als Triebfeder

Die Bilder und Skulpturen von Georg Baselitz hängen bzw. stehen in den wichtigsten Museen der Welt. Heute feiert der prinzipiell Widerständige seinen 80. Geburtstag.

null

© X90184



Von Edith Schlocker

Basel – Seit 2013 liegt der deutsche Maler und Bildhauer Georg Baselitz beim „Kunstkompass“ – dem Ranking der weltweit gefragtesten Künstler – auf Rang vier. Getoppt allein von seinen Landsleuten Gerhard Richter (1) und Rosemarie Trockel (3) sowie dem amerikanischen Medienkünstler Bruce Nauman (2). Heute feiert der in der tiefsten sächsischen Provinz als Hans-Georg Kern geborene Lehrersohn seinen 80. Geburtstag. Vorfeiern ließ er sich bereits am vergangenen Samstag in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel, wo bis 29. April neben ganz neuen Bildern und Skulpturen des Unermüdlichen aus diversen Sammlungen und Museen ausgeliehene Schlüsselwerke aus allen Schaffensphasen zu sehen sind. U. a. auch sein 1965 entstandenes Bild „Der Narr von San Bonifacio“, das Baselitz selbst seit 50 Jahren nicht mehr gesehen hat.

Ein Werk aus einer Zeit, in der Baselitz die Welt noch nicht auf den Kopf gestellt hat. Wo­rin so manche Kritiker anfangs eine Masche orteten, um auf sich aufmerksam zu machen. Aufmerksamkeit erregte der manische Maler mit dieser verqueren Art, die Welt zu sehen zwar schon, ihm selbst ging es dabei allerdings darum, sich „von der fatalen Abhängigkeit von der Wirklichkeit“ loszulösen, wie Baselitz selbst einmal gesagt hat. Um auf diese Weise eine für ihn gültige Balance zwischen Realismus und Abstraktion zu finden. Zelebriert in einer Form, die prinzipiell widerständig ist, verpflichtet der Disharmonie, dem Regelbruch, um selbst am meisten von der eigenartigen Harmonie überrascht zu sein, die sich im Akt des Malens einstellt.

Ein Unangepasster war Georg Baselitz von allem Anfang an. Von der Ostberliner Kunstakademie flog er wegen „gesellschaftlicher Unreife“, seine erste Ausstellung 1963 in der Westberliner Galerie Werner & Katz schloss die Polizei wegen Pornografieverdachts. In diesen frühen Jahren war seine malerische Handschrift expressiv, inspiriert von den Brücke-Malern. Und das in einer Zeit, in der Malerei generell verpönt war. Was Baselitz in keinster Weise störte, ihn ganz im Gegenteil beflügelte. Es sind sonderbar beschädigte Figuren, die diese Bilder bevölkern, traurige Helden, wie er sie als Kriegskind erlebt hat. Autobiografisches durchzieht generell das gesamte Œu­v­re des inzwischen hochbezahlten Meisters, dessen in wild-nervösem Gestus gemalte Bilder und archaische Skulpturen in den wichtigsten Museen und Sammlungen der Welt hängen bzw. stehen.

Georg Baselitz mag es groß, bei seinen am Boden gemalten Bildern genauso wie seinen mit der Kettensäge bzw. Hacke aus großen Baumstämmen geschlagenen Skulpturen. Eine einzige von diesen hat er 1980 in den deutschen Pavillon der Biennale von Venedig gestellt. Was wiederum zum großen Aufreger wurde, reckt die am Boden sitzende Figur doch die rechte Hand in die Höhe, was so manche als Hitlergruß (miss?-)deuteten.

In den letzten Jahren remixt Georg Baselitz gern sein eigenes Werk. Das Ergebnis sind malerisch höchst interessante Neuinterpretationen, dominiert von schemenhaften, farbig zunehmend beruhigten Figuren. Dass der heute in Basel, Salzburg und am Ammersee lebende Georg Baselitz, der seit einigen Jahren übrigens auch die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, zudem ein großartiger Zeichner ist, zeigt eine Schau im Kunstmuseum Basel (bis 29. April). Und als raffinierter Jongleur mit druckgrafischen Techniken war er im vergangenen Sommer in der Innsbrucker Galerie Rhomberg zu erleben.