Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 22.03.2018


Kunst

Schmerzhafte Konstellationen

Die gestern auf Schloss Ambras eröffnete Ausstellung bringt mit Arbeiten von Valie Export Gegenwart in das historische Umfeld. Ein Heute, nicht weniger drastisch als das Gestern.

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© Foto Rudy De Moor / Tiroler Tage



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Antiquarium, klein­e Rüstkammer, Bad der Philippine Welser: Diese Ort­e im Schloss Ambras werden in den nächsten Monaten von zeitgenössischer Kunst durchdrungen sein. Mit „Fama et Infamia. Die Infamie der Namenlosen“, einer Sonderschau, die gestern eröffnet wurde, holt sich Direktorin Veronika Sandbichler niemand Geringeren als Valie Export an Bord. Für eine Neubetrachtung der historischen Sammlung über zeitgenössische Aspekte.

Dabei soll das ganze Ausstellungsjahr ganz im Zeichen starker Frauenpersönlichkeiten stehen. Darunter auch eine Künstlerin der Gegenwart – eine Überlegung, die sich mit Ausstellungen wie „Gegenwelten“ (2013) oder dem Projekt „An Hand“ von Angelika Krinzinger (2014) bereits bewährt hat. Mit „Fama et Infamia“ schafft Gastkuratorin Sabine Folie über intensive, schmerzhafte Konstellationen eine überraschende Auseinandersetzung zwischen den Welten. Sie leitet seit End­e 2017 das Valie Export Center in Linz und realisierte bereits große museale Projekt­e mit der Künstlerin.

Folie hat sich in Ambras nicht nur auf das simple Einsetzen der Arbeiten Valie Exports in die historische Sammlung konzentriert, sondern hat die Räume als solche neu bespielt. Zentral ist der Raum des Antiquariums: Hier treffen die Porträtbüsten römischer Kaiser und der Statuetten der Habsburger auf eine Armee „sinnenloser Skulpturen“, wie Export sie bezeichnet. Ihrer Sinne beraubt, fungiert die Installation „Heads – Aphärese“ mit ihren helmhaften Köpfen ohne Gesicht und ohne Identität als Gegenstück zu den Kaiserbüsten. Die Ruhmreichen und die Namenlosen. Aus dieser Arbeit und der intensiven Beschäftigung mit Foucaults „Das Leben der infamen Menschen“ schöpft Folie den Titel der Ausstellung.

Auch die danebenliegende kleine Rüstkammer wurde von der Kuratorin fast gänzlich ausgeräumt. Hier verbinden sich martialische Waffen und Rüstungen mit metaphorisch besetzten, physischen und psychischen Marterwerkzeugen. „Über die Welt der Waffen legt sich das weibliche Prinzip“, schreibt Folie dazu in dem zur Ausstellung erscheinenden Katalog. Die Installation „Nadel“ (1996/97) etwa, drei überdimensionierte Nähnadeln, die von einem Motor betrieben in freiem Fall knapp vor dem Boden wieder nach oben schnellen, werden einer Sammlung von Lanzen aus dem 16. Jahrhundert gegenübergestellt. Und das weiblich konnotierte Motiv der Näh­nadel wird zur Waffe.

Ähnlich eindrücklich, weil ähnlich martialisch, fügt sich „ ... Remote ... Remote... “ (1973) in die historische Umgebung ein. In diesem Video agiert die Künstlerin als Protagonistin, die sich vor einem Bild mit Waisenkindern mit einem Stanleymesser die Nagelhaut aufritzt. Die Waffe wird hier gegen den eigenen, weiblichen Körper gerichtet, der dadurch zum Medium wird. Der Bildhintergrund der Waisenkinder geht dabei eine Verbindung mit den schmerzhaft repräsentativen Infantenporträts ein, die Folie danebenhängt.

Im Mittelpunkt des Vorhabens stand seit Anbeginn die Suche nach Referenzpunkten; mal gelungen, mal weniger nachvollziehbar, mal plakativer (etwa in ästhetischen Annäherungen der Waffen in der Rüstkammer), mal hinter zu vielen Bedeutungsebenen versteckt (der Film „Unsichtbare Gegner“ im Bad der Philippine Welser). Trotzdem wirken die Arbeiten von Valie Export dem historischen Umfeld nie gänzlich fremd. Oder ob der Brisanz der Themen und der Darstellung gar zu laut. Exports zurückhaltende Ästhetik ist schließlich dadurch nicht weniger drastisch (einige Video­s werden sensiblen Personen nicht empfohlen).

Über diese Drastik beschreitet „Fama et Infamia“ einen für Ambras mutigen Weg, der es feinsinnigen Besuchern möglich machen wird, über die schmerzhafte Gegenwart zurück zur ebenso schmerzhaften Vergangenheit zu finden.