Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 24.04.2018


Kunst

Die Qualität des nicht greifbaren Moments

Der Landespreis für zeitgenössische Kunst 2018 wurde gestern an Nora Schöpfer vergeben. Die TT traf sie zum Gespräch.

© Foto TT / Rudy De MoorIn ihrem Atelier im Künstlerhaus Büchsenhausen arbeitet Schöpfer derzeit an den Arbeiten für nächste Ausstellungen.Foto: Rudy De Moor



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Es sind die flüchtigen Augenblicke, die Nora Schöpfer in ihren Arbeiten festhalten will. Das Dazwischen zwischen den Momenten. In ihrer Kunst äußert sich das in sich auflösenden Formen, die vom Konkreten ins Abstrakte übergehen und dabei sogar mediale Grenzen überschreiten. Die Beschäftigung mit der Wahrnehmung hat sich zur zentralen Aufgabe der Künstlerin entwickelt.

Eine Beschäftigung, die der Kulturbeirat des Landes Tirol in diesem Jahr mit dem Preis für zeitgenössische Kunst würdigt. „Eine Würdigung, die mich sehr freut“, meint Schöpfer im TT-Gespräch in ihrem Studio auf Schloss Büchsenhausen.

Nach Tirol war Nora Schöpfer nach dem Abschluss ihres Studiums in Wien zurückgekehrt, vor allem aufgrund ihrer Kinder, wie die Künstlerin erzählt. An der Angewandten hatte sie bei Oswald Oberhuber und zuletzt bei Ernst Caramelle studiert, der die Oberhuber-Klasse übernahm. „Eine Findungsphase“ nennt Schöpfer diese Wiener Zeit, welche aber bereits richtungsweisende Ideen lieferte.

Verarbeiten konnte sie diese Inputs hier in Tirol zuletzt in großen Einzelausstellungen, etwa in der Neuen Galerie (2015) oder stets aufs Neue in der Galerie artdepot. Zu sehen dabei Schöpfers Arbeit mittels Übergängen, nicht nur inhaltlich, sondern auch medial. Obwohl Malerei im Mittelpunkt stehe, überschreiten Schöpfers Arbeiten oftmals die klassischen Gattungsgrenzen: Fotografien dienen als Skizzen, Videoarbeiten kommen als Gemälde daher, Tafelbilder zeichnen sich mithilfe von Gegenständen in den Raum weiter – kurzum: Die Werke entwickeln sich weiter zur raumgreifenden Installation. „Es ist die Struktur etwa von Blättern, von Schatten, welche sich am Boden abzeichnen und die sich als Formen über die unterschiedlichsten Medien hinwegziehen“, erklärt sie.

Die „Fadenkörper“, mit denen Schöpfer seit 2002 arbeitet, schaffen sogar Raum: Feinste Schnüre werden durch den Ausstellungsraum oder in der Natur gespannt und so justiert, dass ihre Linien geometrische Formen bilden. Auch hier bleibt Schöpfer beim Thema Wirklichkeit. Diese Körper führen vor Augen: Bereits die Vorstellung von Realität reicht aus, um einen Raum zu erzeugen. Wo Wahrhaftes, da also auch Illusion.

So ist die Vielfältigkeit von Medien und Motiven das Augenscheinlichste in ihrem im letzten Jahr bezogenen Studio. Und die Künstlerin bleibt sich auch in neuen Werken treu: „Meine letzten Arbeiten sind der paradoxe Versuch, sichtbar zu machen, wie Wirklichkeiten sich zusammensetzen. Wirklichkeit ist eben nicht ein Abbild von der Realität, sondern vielschichtiger: Gedankenebenen, Erinnerungen fließen stets mit ein“, erklärt Schöpfer. Zu sehen sind diese Werke demnächst im Wiener „flat 1“ und 2019 auch im Innsbrucker artdepot. (bunt)