Letztes Update am Fr, 27.04.2018 06:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Landesmuseen spannen Bogen von Mozart-Flasche bis Ötzi-Haube

Interaktivität, die Genres überschreitet. Das Ferdinandeum wagt eine mutige Schau zur Musikkultur Tirols.

© Wolfgang LacknerBlick in den Salon in der Ausstellung.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Eine Ausstellung zum Jubiläum eines Vereins, den es gar nicht mehr gibt. Der Musikverein Innsbruck, für dessen 200-Jahr-Jubiläum die aktuelle Ausstellung im Landesmuseum Ferdinandeum initiiert wurde, existiert als solcher nämlich nicht mehr. Er wird aber in Form des Tiroler Landeskonservatoriums und der Musikschule Innsbruck weitergeführt.

Was bedeutet, das Engagement des Vereins wirkt bis heute weiter. Auch ein Beweis dafür, welchen Stellenwert die Musik in Tirol einnimmt. Und folgerichtig auch ein guter Anlass dafür, in der Ausstellung „Stereo-Typen: Gegen eine musikalische Mono-Kultur“, ebendiese Musikkultur zu hinterfragen und den Versuch zu wagen, das ephemere Phänomen in interaktiven Stationen greifbar zu machen.

Ein Versuch der Kuratoren Franz Gratl und Andreas Holzmann, der gelingen kann, weil die Schau die Geschichte des Innsbrucker Musikvereins nicht nacherzählt, sondern historische Objekte mit zeitgenössischen Inputs zum assoziativen Mix arrangiert. Dieser regt den Besucher an, sich selbst zu seiner musikalischen Prägung zu befragen. Daraus wird eine Diskussion über die Bedeutung von Musik im Bildungskanon und ein Suchen nach den Wurzeln der Kultur, die tief ins 19. Jahrhundert reichen. Rituale, aber auch der Künstlerkult wurden bereits in dieser Zeit maßgeblich geprägt. Während der theoretische Hintergrund im fein komponierten Katalog abgehandelt wird, kann sich der Besucher in der Ausstellung ausgeprägt interaktiv, ja spielerisch, den Fragestellungen widmen.

Die logisch erarbeitete Dramaturgie der Schau führt durch unterschiedliche Räume, allesamt durch eine sehr aufwändige Ausstellungsarchitektur verbunden. So trennt eine Wand von 800 chinesischen Blockflöten zwei der Räume.

Der Rundgang startet im Unterrichtszimmer, wo der Mix aus historischen Exponaten (in Form von Urkunden, Instrumenten oder etwa Schriftstücken des einstigen Musikvereinsdirektors Josef Pembaur des Älteren) und gegenwärtige Einwürfe wunderbar aufgeht: So fügt sich die spektakuläre Arbeit „Fantasia e bagatelle“ von Julia Bornefeld ein in die Aufgabenstellung der Schau: Sie lebt ihre musikalische Prägung auf martialischem Wege aus, wie auch das Gemälde „Diktat des Metronoms“ zeigt. Von anderen musikalischen Erfahrungen erzählen zwölf Personen, etwa Herbert Pixner, Katharina Kramer oder Tobias Moretti, in der angeschlossenen Videoserie.

Neben der Werkstatt eines Geigenbauers können die Besucher im oberen Stockwerk im Künstlerzimmer stöbern, wo der Künstlerkult in Form von Devotionalien (etwa einer Originalstrickmütze von DJ Ötzi) hinterfragt wird. Und dann auch direkt auf die Bühne treten. Ein Bereich, der für das Rahmenprogramm reserviert ist, das wohl als zentraler Bestandteil der Ausstellung gesehen werden kann. Denn was wäre eine Musikausstellung ohne die richtige Beschallung?

Die gibt es in ebendiesem Konzertraum auch von Lucas Norer, der in „Musicking“ die Klangwelten unterschiedlicher Konzertsäle Tirols aufnahm. Und Klangwelten gibt es auch im Salon, in dem Musik, Literatur und bildende Kunst schon immer zusammenliefen. Womit der Besucher wieder ins 19. Jahrhundert eintritt, wäre der Salon neben Klimts Pembaur-Porträt nicht auch mit Rolling-Stones-Kuriosita ausgestattet. Beschallt wird man mit Volksmusik, Mendelssohn Bartholdy und Manu Delago.

Letztgenannter profitierte schließlich als Student am Landeskonservatorium auch von dem Engagement des ehemaligen Innsbrucker Musikvereins. Und die Schau lebt gerade von dieser assoziativen Herangehensweise, den Bezügen ins Heute. Man kann der Ausstellung nur wünschen, dass die Besucher die feinen Zusammenhänge trotz der überbordenden Ausstellungsarchitektur auch wahrnehmen. Und dass sie sich einlassen, auf die Interaktion, die die Musik erst greifbar werden lässt.




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