Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.05.2018


Performancefestival

Ein Erinnerungsritual wider Willen

Innsbruck hat jetzt auch ein Performancefestival mitsamt ambitioniertem Programm. Ob einer der Hauptacts stattfinden kann, ist aber noch unsicher.

© : WassermannBereits in älteren Performances (etwa „Anarchie“, 1998) setzte sich Wassermann mit der Aufarbeitung der Geschichte auseinander.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Es ist ein Start mit Bodenschwellen, den das erste Performancefestival in Innsbruck da absolvieren möchte. Die Organisatoren Michaela Senn, Michaela Adrigan und Peter Bandlmayer werden am kommenden Freitag ihre aus dem Innsbrucker Fördertopf „stadt_potenziale“ und dem Land Tirol mit 15.000 Euro geförderte Veranstaltungsreihe eröffnen, allerdings wohl ohne einen ihrer „Hauptacts“.

Nach heutiger Sicht wird dieser an einer fehlenden Genehmigung scheitern. „Offizialdelikt Kreide“ von Franz Wassermann war eigentlich als Eröffnungsperformance des Festivals geplant. Im Rahmen des Gedenkjahres, sowohl für die Gründung der Ersten Republik 1918 als auch für den Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland, versteht sich das Wassermann’sche Konzept als Erinnerungsritual.

Konkret will der Künstler mit Kreidespray ein Hakenkreuz auf die gläserne Eingangspforte des Neuen Tiroler Landhauses anbringen. Performanceteilnehmer schreiben dann mit ihren Fingern die Namen von ermordeten und überlebenden Widerstandskämpfern in die Kreidefläche, sodass das Hakenkreuz langsam verschwindet. „Natürlich ist der Verweis auf das Landhaus, das 1938/39 als faschistisches Gauhaus errichtet wurde, ganz zentral“, meint Franz Wassermann im TT-Gespräch. Mit dem Akt des Schreibens respektive Auslöschens rufe der Künstler auf zu lebendigem Erinnern, so das Konzept zur Performance.

Dieses Konzept in die Tat umzusetzen, wird allerdings zum Problem. Der Antrag auf Genehmigung wurde vom Land abgelehnt. Der Grund: Sondernutzungen auf dem Eduard-Wallnöfer-Platz sollen beschränkt bleiben. Sondernutzungen am Gebäude müssen abgelehnt werden, heißt es in einem Schreiben des Justiziariats, zuständig für Rechtsangelegenheiten des Landes.

Auch Reaktionen auf eine vom Künstler im Landtag eingereichte Petition stehen großteils noch aus. Lediglich die Liste Fritz hat laut Künstler ihre Zustimmung zum Projekt geäußert, „mit den NEOS wird es dieser Tage zu einem Gespräch kommen“. Einsehbar ist die Petition inzwischen online auf der Seite des Landes Tirol.

Um den demokratischen Prozess nicht zu umgehen, legt Wassermann die Durchführung von „Offizialdelikt“ erstmal auf Eis. „Ich kann nicht verstehen, wieso man zu diesem geschichtlichen Anlass die Performance nicht genehmigen will. Der Kreidespray wird rückstandslos entfernt, es geht mir um den Akt“, meint der Künstler. Ein Gutachten von Denkmalamtsleiterin Gabriele Neumann bestätigt diese Nutzung, auch Lukas Morscher (Stadtarchiv) und Günther Dankl (Ferdinandeum) unterstützen die Durchführung der Performance schriftlich.

Obwohl die zuständigen Stellen „keinerlei inhaltliche Bedenken gegen die Performance“ haben, eine Sondergenehmigung für die Fassade gebe es nicht, „schon allein aus Gründen der Gleichbehandlung, da eine Sondernutzung der Fassade bisher auch in anderen Fällen immer abgelehnt wurde“, heißt es aus dem Justiziariat auf Nachfrage der TT.

Man habe den Künstler immerhin auf den Landhausplatz verwiesen. Ob sich eine Neukonzeption bis Sonntag ausgehen wird, bleibt offen, der Programmpunkt im Performancefestival aber steht noch.

Freitag, 25. Mai: 18.30 Uhr, BRUX: Dein Herz sei Stein — Gottesperformance (Robert Prosser & Fabian Faltin) 20.15 Uhr, BRUX: Festival-Eröffnung mit Quaking Perception (Jana Rinchenbachová) 20.45 Uhr, BRUX: What is ztscrpt's problem? (Christian Egger) 22.30 Uhr, BRUX: One Day I'll Grow Up & Be a Beautiful Queen, Queens, Pt. II (Martin Fritz) 0.15 Uhr, BRUX: MISCHKONSUM — eine emotionale Verhärtung (David Prieth)

Samstag, 26. Mai: 17.00 Uhr, kooio: forum für kunst und kommunikation: Wollen Sie mit mir über Tränen sprechen? (Barbara Kraus) 18.00 Uhr, Vogelweide Waltherpark: Syllablesshooter (Thomas Havlik) 20.45 Uhr, BRUX: mit ohne Stoppschild (S:I:D:U:N:O) 22.15 Uhr, BRUX: Vulcania pt.2 (Nicole Weniger) 0.15 Uhr, BRUX: Unterwegs (Peter Brandlmayer)

Sonntag, 27. Mai: 11.00 Uhr, Eduard-Wallnöfer-Platz: Offizialdelikt Kreide (Wassermann) Komplettes Programm: www.the-untitled.at