Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 25.05.2018


Kunst

Der Umgang mit dem Ungewissen

Der Kunstpavillon und Büchsenhausen zeigen weibliche Positionen zu Sichtbarkeit und Verschwinden.

© Daniel Jarosch /Künstlerhaus BücDer Kunstpavillon präsentiert u. a. aktuelle Arbeiten der Künstlerinnen Julie Sas (l.) und Marianna Christofides (r.). Foto: Jarosch



Innsbruck – Efeu, Gärtner wissen das genau, ist eine ausdauernde Pflanze, die selbst in kargen Lagen prächtig gedeiht. Die lebensbejahenden Eigenschaften dieses schwer zähmbaren Klettergewächses ziehen sich leitmotivisch durch die aktuelle Ausstellung mit dem Titel „Ein Teil, das fehlt, geht nie kaputt“, die im Kunstpavillon und im Künstlerhaus Büchsenhausen präsentiert wird.

Kuratiert wurde diese sehenswerte wie vielseitige Schau, die ausschließlich weibliche Positionen des Fellowship-Programms vereint, von Andrei Siclodi, der gleich zu Beginn auf die stark vergrößerten Nachbildungen von Efeu-Haftwurzeln, die wie riesige Noppen das Eingangsportal des Kunstpavillons säumen, hinweist. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsarbeit der türkischen Künstlerinnen Secil Yaylali und belit sag, die außerdem in einer Videoarbeit die verschiedenen Wachstumsstadien des widerspenstigen Efeus aufzeigen. Die in Amsterdam lebende Künstlerin belit sag widmet sich darüber hinaus auch dem Phänomen der Zensur als Gegenwartszustand, dem sie sich selbst in der Türkei ausgesetzt sah.

Die kleinteilige, von übermalten Schnittmustern bestimmte Installation der in Paris lebenden Künstlerin Julie Sas erinnert an eine Theaterbühne, die u. a. Körperteile von Schaufensterpuppen zeigt und damit die Fragmentiertheit und das gewollte Verschwinden zu den zentralen Themen ihrer Arbeit macht.

Das beeindruckendste Werk sind die 420 Diabilder der in Berlin lebenden Künstlerin Marianna Christofides, die schon seit zehn Jahren den Überlebenswillen von Menschen im sozialen und geografischen Abseits filmisch dokumentiert. Ihre visuelle Recherche kann durch eine Lupe betrachtet werden und zeigt etwa spielende Roma-Kinder in einer baufälligen Fabrik in Piräus, ohne dabei auf voyeuristische Betroffenheit zu setzen.

Eine andere Form der Sichtbarmachung steht im Mittelpunkt der Arbeiten von Matilde Cassani mit dem Titel „It’s not just Cricket“, die im Künstlerhaus Büchsenhausen in Kooperation mit der ar/ge Kunst/Bozen gezeigt werden. Cricket als Sportart einer sozialen Randgruppe ist das zentrale Thema ihrer Arbeit. Am 30. Juni wird sogar auf dem Fenner-Sportplatz ein Cricket-Spiel zwischen Nord- und Südtirol ausgetragen, um dieser unterrepräsentierten Sportart in Innsbruck Raum zu geben. Kurator Siclodi sagt schmunzelnd, dass er sich in den nächsten zwei Monaten als Sportmanager betätigen wird, sogar eigene Dressen werden entworfen. Siclodi will mit dieser Sportinitiative ein größeres Publikum erreichen und damit die daran anknüpfenden künstlerischen Positionen vermitteln. (geta)