Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.06.2018


Exklusiv

Gartenprojekt von Heller sorgt in Südtirol für Unmut

Event-Garten oder Ruheoase? Darüber streitet man sich in der Debatte um den Hofburggarten in Brixen. Eine Posse der großen Namen und des großen Schweigens.

© Leonard AngererDas Areal in Brixen südlich der Hofburg ist derzeit nicht zugänglich. Bereits seit Jahren wird ein passendes Nutzungskonzept verzweifelt gesucht.



Von Barbara Unterthurner

Brixen – Ein Garten ist ein Garten ist ein Garten. Nicht so in Brixen. In der Südtiroler Kleinstadt ist Garten gleich Politikum und Vorlage für eine Posse sondergleichen. Der Hofburggarten in Brixen soll nämlich einer Umgestaltung unterzogen werden, wie diese genau vonstattengehen soll, darüber streiten sich die Hauptakteure.

Aber zurück zum Anfang, der bereits mehrere Jahre zurückliegt. Die Gemeinde Brixen pachtet seit rund zehn Jahren die historischen Gärten der Fürstbischöflichen Hofburg, die abgesehen von kurzzeitigen Eventbespielungen des Tourismusvereins brachliegen: Der Herrengarten ist zwar öffentlich zugänglich, der Obstbaumgarten im Süden, von hohen Mauern umgeben, bleibt aber im Verborgenen. Dieses „Pomarium“ geht auf das Mittelalter zurück und versorgte einmal den bischöflichen Haushalt mit dem Luxusgut Obst. Unter Bürgermeister Albert Pürgstaller wurde 2012 ein internationaler Wettbewerb mit strengen Rahmenbedingungen zur Neugestaltung des Gartens veranstaltet. Aus rund 50 Einreichungen machte eine Fachjury in einem hochselektiven, zweistufigen Wettbewerb die Meraner Landschaftsarchitekten von „freilich“ in Zusammenarbeit mit Klotzner & Höller Architekten zu den Siegern.

So weit, so gut, bis 2015 Pürgstaller abdankte und eine neue Stadtregierung einzog. Diese zog neue Möglichkeiten der Bespielung in Betracht: Das Siegerprojekt sei zu unattraktiv. Größer und pompöser sollte es werden, mit einem Wort: Heller. Universalkünstler André Heller wurde um einen Entwurf gebeten. Im Juni letzten Jahres gab dieser dem Werben der Stadt nach und lieferte ein „Exposé“ (keine Machbarkeitsstudie oder eine Planung) für die Gestaltung des Hofburggartens. Applaus gab es in Südtirol dafür von Bischof Ivo Muser, Neo-Bürgermeister Peter Brunner und Landeshauptmann Arno Kompatscher.

Das Exposé Hellers sieht u. a. einen See samt Wasserspielen, „botanische Zimmer“, Mosaikkreise und Raum für Kunstwerke vor.
- Büro André Heller

Noch größer als der Beifall aus dem Rathaus in Brixen (Hellers Idee wurde im Dezember 2017 im Brixner Gemeinderat mit 22 Jastimmen und lediglich 4 Enthaltungen gutgeheißen) und der Diözese waren allerdings die Wellen an Kritik, die auf das Projekt einstürzten. Nicht nur die Grünen im Brixner Gemeinderat äußerten ihre Bedenken mittels Enthaltungen, auch Denkmalamt und die Südtiroler Architektenkammer stellten ihre Kritik offen zur Schau.

Grund dafür sind einerseits inhaltliche Fragen. Mit Hellers Konzept der „Verzauberungszone“ gehe man den Weg eines Event-Gartens, bestätigt auch Architekt Andreas Hempel von der Brixner Initiativgruppe, die sich gegen den „Heller-Garten“ ausspricht. „Die Brixner haben ein Anrecht auf einen Garten, der kostenlos zugänglich und als Grünfläche nutzbar ist“, meint Hempel im TT-Gespräch. In einem 10-Punkte-Programm stellt die Initiativgruppe ihre Bedenken vor.

Eine wichtige Gegenstimme ist auch die Direktorin des Amts für Bau- und Kunstdenkmäler, die in einem Interview mit dem Onlineportal salto.bz die fehlende Vereinbarkeit mit dem Denkmalschutz anprangerte. Hellers Konzept würde kaum sichtbare Bezüge zu Brixen und zur Hofburg aufweisen, sondern vielmehr seine eigenen künstlerischen Ideen eines Gartens zeigen. Der Hofburggarten sei aber kein neutraler Ort, keine beliebig verwertbare Freifläche. Die strengen denkmalpflegerischen Rahmenbedingungen waren in die Ausschreibung des Wettbewerbs eingegangen, werden nun aber missachtet. Und durch die Absage an das Siegerprojekt von „freilich“ quasi ad absurdum geführt.

Andererseits ergeben sich durch die Direktvergabe Bedenken. „Die Wettbewerbskultur wird durch eine direkte Vergabe an Hellers Büro untergraben.“ Dieser Meinung ist Johann Vonmetz, Präsident der Architektenkammer in Südtirol. Der Landtag habe das Vergabegesetz nämlich speziell für die direkte Beauftragung von Heller abgeändert, auch wenn die Verantwortlichen betonen, es habe sich dabei nur um die Korrektur eines Übersetzungsfehlers gehandelt. Bei Arbeiten von einmaligem künstlerischen Wert könne man nun direkt vergeben, ohne auf einen Planungswettbewerb zurückgreifen zu müssen. Das war bisher in Südtirol rechtlich nicht möglich gewesen. „Diese ‚Lex Heller‘ tritt unsere jahrzehntelange, gut organisierte Wettbewerbskultur mit Füßen“, betont Vonmetz. „Die Gemeinde darf ihre Meinung ändern, aber dann wäre es nur konsequent, einen zweiten Planungswettbewerb auszuschreiben, der die gleichen Rahmenbedingungen umfasst“, so Vonmetz weiter. Alles andere ist für den Architektenkammer-Präsidenten eine schlechte Lösung. Eine Voraussetzung ist immerhin, dass die Neugestaltung des Gartens in einer Zusammenarbeit zwischen Landschaftsarchitekten und Architekten zustande kommt. Somit müsse es bei Vergabe an Heller noch einen Dienstleistungswettbewerb geben, weil der Künstler den Auftrag selbst rechtlich gar nicht realisieren dürfe.

Zehn Jahre Pacht, öffentliche Wettbewerbe, all das hat das Stadtbudget wohl schon maßgeblich angegriffen. Die Sieger von „freilich“ und Höller & Klotzner Architekten haben nun außerdem ein Anrecht auf Entschädigung für den bereits geleisteten Arbeitsaufwand.

Und dann ist man noch gar nicht bei den eigentlichen Kosten des Projektes angelangt: Diese wurden allerdings weder von Heller noch von Gemeinde oder Land genau definiert. Bei der öffentlichen Präsentation Ende 2017 sprach man von einer „vertretbaren Summe“.

Inzwischen dürfe man von einer Summe zwischen 8 und 15 Millionen ausgehen, meint Historiker und Grünen-Politiker Hans Heiss, der die Debatte im Hintergrund verfolgt, auf Nachfrage der TT. Man bedenke: Georg Klotzner, Mitbeteiligter am ersten Siegesprojekt, bestätigt gegenüber der TT eine ursprüngliche Wettbewerbssumme von drei Millionen Euro.

Wer die Finanzierung der inzwischen verfünffachten Summe stemmt, bleibt offen. Im Meraner Büro von Höller & Klotzner Architekten ist man jedenfalls desillusioniert ob der willkürlichen Entwicklung des Projekts. „Es geht uns nicht um das Geld, sondern um den genehmigten Auftrag, der uns einfach entzogen wurde“, meint Georg Klotzner.

Wie es nun weitergeht, darüber kann Klotzner nur spekulieren. Diesbezügliche Nachfragen von Seiten der grünen Fraktion im Landtag werden derzeit mit Schweigen beantwortet. Lediglich Landesrat Florian Mussner (SVP) lieferte laut Hans Heiss eine knappe Antwort: Man stehe in Verhandlungen und werde bald mit Antworten aufwarten. Auch im Büro Heller schweigt man sich derzeit über die Entwicklung aus – es werde eben gearbeitet. Abwarten und im Garten aussitzen, lautet hier wohl die simple Devise.