Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.06.2018


Banksy

Der Künstler ohne Gesicht

Brexit, Flüchtlingskrise, die Inhaftierung von Künstlern: Kaum ein Ereignis kommt mehr ohne gesprühten Banksy-Kommentar aus. Wer hinter dem Phantom steckt, ist nach wie vor ungewiss.

© AFPEin Bansky oder nicht? Das jüngst aufgetauchte Mädchen mit pinker Tapete wird Bansky zugeschrieben, wurde am gleichen Tag allerdings übermalen und damit zerstört.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Am letzten Wochenende tauchten in Paris sechs gesprühte Protestbilder auf. Eines der Bilder zeigt ein dunkelhäutiges Mädchen nebst Schlafsack, das ein Hakenkreuz mit einem pinken Tapetenmuster übersprüht. Entstanden ist das Werk nahe eines ehemaligen Aufnahmezentrums für Flüchtlinge, das im März geschlossen wurde – vor dem aber bis heute etliche Flüchtende campieren.

Damit meldet er sich wieder mal in der Öffentlichkeit zurück. Anscheinend. So genau kann man das bei Street-Art-Phantom Banksy nie wissen. Ein „echter“ Banksy ist ähnlich ungewiss wie „der echte“ Banksy. Inzwischen profilieren sich Street-Art-Experten als Banksy-Kenner und ein eigens eingerichtetes Büro („Pest control“) untersucht gar die Echtheit von Banksys Werken – trotzdem kennt niemand die Identität des berühmten Sprayers.

Brite soll er sein, schließlich tauchten die ersten Banksys vor rund 25 Jahren in Bristol auf. Ende der Neunziger taucht er in London ab, hier entstand etwa das berühmte „Shop Till You Drop“, eine Fallende mitsamt gut gefülltem Einkaufswagen, das bis heute zu sehen ist. Alle weiteren Informationen zu Banksy sind Gerüchte: Am hartnäckigsten hält sich die These, wonach Massive-Attack-Sänger Robert Del Naja Banksy sein soll. Andere sehen den ebenso in Bristol geborenen Künstler Damien Hirst hinter dem Phantom Banksy. „Niemand kann Banksy finden, weil alle annehmen, Banksy sei ein Mann“, behauptet hingegen Autor Kriston Capps. Und das, obwohl der Dokumentarfilm „Exit Through The Gift Shop“, in dem der Künstler vom Beobachteten zum Beobachter, konkret Regisseur, wird, eine männliche Identität festsetzt. Wieder andere vermuten hinter Banksy ein Kollektiv aus mehreren Künstlern.

Kontinuität und Sicherheit bietet höchstens Banksys Stil. In all seinen Projekten, und das sind bei Weitem nicht mehr nur Graffiti, übt er offen Kritik: Fast kein politisches Ereignis kommt mehr ohne gesprühten Kommentar des Künstlers aus. Banksy bedient sich dabei ausdrucksstarker, kontroverser und plakativer Motive.

Das Protestbild um Zehra Dogan ist in New York zu sehen und wurde von Bansky auf seinem verifizierten Instagramaccount bereits als sein Werk bestätigt.
- AFP

So auch im März dieses Jahres mit einem großen Wandbild in New York, das die Haft der türkisch-kurdischen Künstlerin Zehra Dogan anprangert. 2017 war sie für das Malen eines Bilds der umkämpften kurdischen Stadt Nusaybin für drei Jahre eingesperrt worden. Eine Strichliste, die Tage in Haft, wird bei Banksy zu Gitterstäben, hinter denen die Künstlerin hervorlugt.

Ein gutes Beispiel für Banksys Zusammenfließen plakativer Symbolik und Guerillataktiken: So brachte Banksy seine Werke bereits illegal in Museen unter. Und er bedient sich nach wie vor am öffentlichen Raum als Projektionsfläche.

Was Banksy von anderen unterscheidet: Er setzt seinen Namen nie unter seine Werke, sondern profitiert von seinem Stil. Und vom Interesse an seiner (unbekannten) Person. Im Oktober 2013 hinterließ Banksy einen Monat lang jeden Tag ein Werk und lud die Community zur Schnitzeljagd auf seine Werke ein.

Das System Banksy funktioniert. Bücher, Filme, ja sogar ein dystopischer Vergnügungspark („Dismaland“) und ein Banksy-Hotel im Westjordanland. Und natürlich kann man sich seinen eigenen Banksy inzwischen kaufen. Etliche Motive wurden von Hauswänden abgenommen und für Hunderttausende Dollar auf Auktionen gehandelt. Street Art wurde mit Banksy kommerziell. Und die Intention zur Nebensache. Daran kann auch die Brisanz der Mitteilungen wenig ändern.