Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 28.06.2018


Kunst

Wo Zeichnung der Wand entflieht

Beim Künstlerpaar Payer Gabriel entwickelt sich das Medium der Zeichnung vom Cluster hin zur Skulptur.

© Verwirrspiel von Zwei- und Dreidimensionalität: Der Begriff der Säule wird bei Payer Gabriel neu gedacht.Foto: Courtesy Christine König Galerie, Wien/Daniel Jarosch



Innsbruck – Bernd und Hilla Becher, Christo und Jeanne-Claude, Edward und Nancy Kienholz. Das sind nur einige Beispiele der unzähligen Künstlerpaare innerhalb der Kunstgeschichte. Payer Gabriel, die derzeit in der Neuen Galerie der Tiroler Künstlerschaft ausstellen, sind ebenso ein Künstlerpaar; eines, das sich allerdings in der Tradition der Künstlerkollektive versteht.

So arbeiten Micha Payer und Martin Gabriel gemeinsam an ihren Werken und entwickeln gemeinsam eigene Bildwelten. Thematisch bewegen sie sich dabei oft auf dem Feld der Naturwissenschaft, auf dem schma­len Grat zwischen Chaos und Ordnung. So waren 100 ihrer Zeichnungen 2010 schon zu einem großen „Meteoriten“ (einer großflächigen Wandarbeit) zusammengesetzt, in der Gruppenausstellung „Zeichnung“ im Kunstpavillon zu sehen. Damals mit dem Hinweis auf „Micha Payer und Martin Gabriel“ als Urheber. In der aktuellen „Einzelschau“ entschließt man sich zum übergeordneten „Payer Gabriel“.

Von Dualität spricht hingegen der Titel „monolithen und idioten“, der „Idiot“ wird hier aus etymologischer Sicht wertfrei als Andersdenkender interpretiert. Anders gedacht wird in der Schau vor allem die Säule. Die starre Begrifflichkeit wird bei Payer Gabriel geöffnet: Rein visuell präsentieren sich die elf Säulen der Schau außerdem nicht monolithisch, sondern vielmehr fragmentiert.

Und diese „neuen“ Säulen loten nicht nur die historischen Räume der Neuen Galerie aus, sondern werden gleichzeitig zu einer Art Parcours, durch den der Zuschauer sich durchhangelt. Spiegelflächen und insgesamt 47 Zeichnungen in A4 der Serie „Apologie des Zufälligen“ wurden auf den leichtfüßigen Säulen angebracht; an manchen Stellen durchbrechen sie die freie Durchsicht. Die Form bleibt nicht wie bei Isa Genzkens verspiegelten Säulen ein Fremdkörper, der das Umfeld ständig reflektiert oder gar verzerrt, sondern wird vor allem zur Präsentationsfläche.

Denn die Zeichnungen selbst sind zentrales Ausdrucksmittel. Ihr Modulcharakter regt das Gedächtnis zum Lösen des Puzzles an: Immer wieder finden die Augen Anknüpfungspunkte. Im letzten Raum kulminiert das Prinzip zu einem großen Ganzen. Die Zeichnungen werden wie ein Mantel um die Säule gewickelt: Das Medium Zeichnung entfernt sich von der Wand und wird dreidimensionale Skulptur.

Als Kontrapunkt zur vertikalen Säule arbeiten Payer Gabriel im Eingangsraum mit Bohrkernen – entnommen u. a. bei Bohrungen am Brennerbasistunnel –, die horizontal präsentiert werden. Assoziationen zu Marta Minujín werden laut, die 1979 mit dem „Obelisco acostado“ das überhöhte Symbol des Obelisken in Buenos Aires zum Einsturz brachte, indem sie ihn als Modell horizontal für die Öffentlichkeit zugänglich machte. Payer Gabriel machen durch ihre ästhetische Präsentation auf ihre Weise wissenschaftliche Ergebnisse zugänglich. So wie ihre meisterhaften, von zwei Künstlerhänden entwickelten Zeichnungen, die der Ästhetik der Wissenschaft huldigen. (bunt)




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