Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.06.2018


Kunst

Die Kunst bleibt am Ball

Heute wird ein Kricket-Spiel zwischen Nord- und Südtirol ausgetragen. Das Überraschende: Es ist der krönende Abschluss eines Kunstprojektes.

© Michael Kristen



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Beim Betrachten von Matilde Cassanis Kunstwerken, die derzeit im Künstlerhaus Büchsenhausen ausgestellt sind, entsteht zunächst der Eindruck, alles würde sich hier einzig und allein um das englische Kricket-Spiel drehen: Zu sehen sind ein Miniatur-Kricketplatz und ein „Display Altar“, bei dem Kricketschläger, Bälle und Pokale akribisch aneinandergereiht werden.

Tatsächlich ist das Kunstprojekt der 1980 geborenen Matilde Cassani aber viel mehr als eine rein ästhetische Auseinandersetzung mit Kricket. Die Künstlerin deutet ihre Intention schon im Titel ihrer Ausstellung „It’s just not cricket“ an. Mit dieser Redewendung wird im englischen Sprachgebrauch nämlich auf soziale Ungerechtigkeiten hingewiesen. Man könnte diesen Ausspruch sinngemäß etwa so übersetzen: „Das ist alles nicht nur ein Spiel.“

Die italienische Künstlerin Matilde Cassani beschäftigt sich seit Langem mit Communitys, denen kaum gesellschaftliche Aufmerksamkeit zukommt. Ihr aktuelles, grenzüberschreitendes Kunstprojekt, zu dem sie Ende 2016 vom Künstlerhaus Büchsenhausen und der ar/ge Bozen eingeladen wurde, widmet sie den Kricket-Gemeinschaften in Nord- und Südtirol.

Diese Communitys organisieren in ihrer Freizeit sogar eigene Kricket-Spiele. Dabei bleiben sie aber mehr oder weniger unter sich. Von einer größeren Öffentlichkeit wurden sie jedenfalls bisher noch nicht wahrgenommen. Die Kricket-Begeisterten, die nicht in Vereinen organisiert sind, stammen meist aus ehemaligen englischen Kolonien, etwa aus Pakistan oder Sri Lanka. In den Ländern des Commonwealth hat Kricket eine lange Tradition, nicht jedoch in Tirol und Südtirol. Hier gibt es keine eigenen Austragungsorte, deshalb benützen die Kricket-Spieler Fußballplätze als Alternative.

Andrei Siclodi, er ist Kurator des Künstlerhauses Büchsenhausen, schildert die Anfänge dieses ungewöhnlichen Kunstprojektes so: „Wir haben am Brenner mit unseren Recherchen begonnen, weil wir zunächst einfach nur wissen wollten, welchen Freizeitbeschäftigungen dort junge Leute nachgehen. Wir stellten mit einiger Überraschung fest, dass ein großer Teil der Bevölkerung des Brennerdorfes pakistanischer Herkunft ist und in ihrer Freizeit Kricket spielt. Die Künstlerin Matilde Cassani hat diese Fährte sofort weiterverfolgt.“

Cassani und Kurator Siclodi bemühten sich darum, mit den Kricket-Spielern über ihre Probleme zu sprechen. Es ist auf ihre Initiative zurückzuführen, dass sich die Spieler in Nord- und Südtirol vernetzen konnten. Kurator Sicoldi sagt: „Die Kricket-Communitys in Nord-und Südtirol haben die gleichen Schwierigkeiten: Sie haben keine Plätze, an denen sie regelmäßig Kricket spielen können.“ Diesem Problem wollten Kurator Siclodi und Künstlerin Cassani Abhilfe schaffen: Deshalb wird heute am Fenner-Sportplatz in Innsbruck unter der Schirmherrschaft des Österreichischen Kricketverbandes ein öffentliches Kricket-Turnier zwischen Nord- und Südtirol ausgetragen. Damit wird der Dialog mit dieser Gruppe auch in der Öffentlichkeit intensiviert.

Cassani hat die beiden Teams im Vorfeld des Spiels bei der Entwicklung ihrer eigenen „Visual Identity“ unterstützt. Jedes Team hat nun ein Logo, das auf den eigens gestalteten Mannschafts-Trikots zu sehen ist.

Siclodi konnte die Sport-, die Kultur- sowie die Abteilung für Integration der Stadt Innsbruck als Förderer gewinnen. Damit ist es gelungen, ein Kricket-Spiel, das ganz im Zeichen der kulturellen Vermittlung steht, zu realisieren.

Kunst kann nicht nur ästhetische, sondern auch soziale Zusammenhänge sichtbar machen. Das Kunstprojekt der italienischen Künstlerin Matilde Cassani ist ein schönes Beispiel dafür.