Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.06.2018


Kunst

Verzweifeln an einer entgleisenden Welt

Albin Egger-Lienz und sein Schüler Rudolf Wacker im Schwazer Rabalderhaus: zwei Künstlerpersönlichkeiten in schwierigen Zeiten.

© Tiroler LandesmuseenLehrer und Schüler, wie sie sich selbst sahen: Albin Egger-Lienz ...



Von Edith Schlocker

Schwaz – In der kleinen, von Günther Dankl fein gemachten Schau begegnet man zwei ganz Großen der österreichischen klassischen Moderne: Albin Egger-Lienz (1868–1926) und Rudolf Wacker (1893–1939). Dem Lehrer und seinem eigensinnigen Schüler, deren so grundlegend unterschiedliche Persönlichkeiten gerade im Nebeneinander fast derselben Motive wunderbar fühlbar werden. Am besten wohl in einer Reihe gezeichneter und gemalter Selbstporträts. Wo nicht nur prinzipielle formale Unterschiede deutlich werden, sondern auch ihr Umgehen mit ihrer Rolle als Künstler in politisch und gesellschaftlich schwierigen Zeiten.

An denen sowohl der Osttiroler Egger-Lienz als auch der Vorarlberger Rudolf Wacker existenziell gelitten haben. An diesem Leiden regelrecht zugrunde gegangen ist allerdings Wacker, der um 25 Jahre Jüngere. Der einige Monate Eggers Schüler an der Weimarer Kunstakademie war und seinen Lehrer schwärmerisch verehrt hat. Wackers wirkliche Anreger waren allerdings die deutschen „Brücke“-Maler, deren von Farben dominierte Expression seine Kunst wesentlich mehr prägen sollte als Eggers letztlich aus der Tradition der Historienmalerei erwachsende Behäbigkeit.

Diese so grundlegend unterschiedlichen Handschriften stellt die Ausstellung beispielhaft nebeneinander. Die in großen Formen in der Fläche ausgebreitete Tonigkeit von Egger-Lienz, während die Palette des malenden Wacker von kräftigen, oft ins Symbolische abdriftenden Farben dominiert ist. Zelebriert in raffiniert komponierten, neusachlich angehauchten Stillleben, in denen Puppen als Metaphern für eine zunehmend entgleisende Welt zu zentralen Akteuren werden.

... und Rudolf Wacker acht Jahre später als 39-Jähriger.
- Tiroler Landesmuseen

Eindrucksvoll zeigt sich in den präsentierten Bildern und Zeichnungen aber auch der Wandel von Egger-Lienz von einem anfangs Kriegsbegeisterten zu einem leidenschaftlichen Ankläger jedes kriegerischen Wahnsinns. Der Mensch wird zunehmend entindividualisiert, zur großen, fast dreidimensional aufgefassten, jeder Heroisierung abschwörenden Form skelettiert.

Malt bzw. zeichnet sich Egger-Lienz selbst, liegt sein Blick meist im Dunkel, den Augenkontakt mit dem Gegenüber vermeidend. Ganz anders Rudolf Wacker, der verzweifelt, ja fast hilfesuchend, den Betrachter fixiert. Und das in einer kraftvoll expressiven, aus der Linie entwickelten, sich bisweilen nervös verknäuelnden Handschrift.