Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.06.2018


Kunst

Sandkastenspiele für die Großen

Nicholas Bussmann bespielt höchst unterhaltend die Kunsthalle Tirol. Es geht um Stimmungen, Revolutionen und romantische Gefühle.

© KresserIn der Hofhalle des Taxispalais: Nicholas Bussmanns „Revolution Songs in an AI Environment“ (2017).Foto: Günter Kresser



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Betritt man das Taxispalais, versteht man zuerst mal nur Bahnhof. Indem dem Besucher zwei Videos den Weg versperren, die Nicholas Bussmann in Japan gedreht hat. Sie zeigen einen Schaffner, der einen neuen Kollegen anlernt. Um auf diese Weise nicht ohne Humor die Frage zu stellen, was beim Wiederholen standardisierter Gesten mit dem Individuum passiert.

Um das Wiederholen einer Wiederholung, das Adaptieren von Adaptiertem, das Rhythmisieren von Algorithmen bzw. unbestimmten Koordinatensystemen geht es dem in Berlin lebenden, zwischen den Genres lustvoll switchenden Künstler generell, der weder unangenehme Fragen noch Peinlichkeiten scheut. Etwa in seiner „Etüde in bürgerlichen Gefühlen“, in der der nackte Bussmann voll Ironie das Lied „Wenn ich gestorben bin, dann bin ich tot“ singt, bevor er sich ans Cello setzt und in der Romantik übliche Spielanweisungen wie „mit zärtlicher Hingabe“, „heroic“ oder „desolato“ zu befolgen versucht.

Einen automatisierten Bösendorfer lässt Bussmann in der Hofhalle Revolutionslieder von „Yankee Doodle“ über „Die Gedanken sind frei“ bis zur „Internationale“ spielen. Die Lieder sind verklungen, ihre Melodien automatisiert, die Texte dazu flimmern auf schrill bunten Karaoke-LED-Paneelen. Als Auswirkung der so oft zitierten „digitalen Revolution“, die offensichtlich ohne eigene Lieder auskommt.

Allein mit Stimmungen kommt der praktisch leere Ausstellungsraum aus, in dem allein eine Nebelmaschine steht und vor sich hindampft. Ein wandernder Sound umspielt das sehr stille Ambiente, in dem sich der Besucher vielleicht vom intensiven Sandspielen ausruhen kann. Dazu hat Bussmann im großen linken Ausstellungsraum drei große Sandkästen und einen Tisch mit alltäglichen Requisiten aufgebaut. Statt Schaufeln oder Rechen können sie als Spielelemente benützt werden, um sich seine eigene Welt zu erschaffen. Wozu eine die Wände umlaufende LED-Schrift auffordert.

Anlässlich der heutigen Eröffnung der Schau (18–20.30 Uhr) und morgen Sonntag (15–18 Uhr) spielen 14 Akteure – vom Musiker über die Sängerin und Filmemacherin – mit den Ausstellungsbesuchern das Gesellschaftsspiel „Wanderdünen“. Jeder kann, aber keiner muss mitmachen, der Ausgang ist ungewiss, was sicher ist, dass es weder Sieger noch Verlierer gibt. Gleichzeitig wandert ein Chor durch das Haus und singt auf unkonventionell schräge Weise eine „Nachrichtentrilogie“.

Ein umfangreiches Rahmenprogramm begleitet die Ausstellung, gipfelnd am 13. September in Nicholas Bussmanns Performance „I like Marina Abramovic and Marina Abramovic likes me“.




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