Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 10.07.2018


Kunst

Recycling alter Schachteln zu neuen Kunstobjekten

„Mind the crap“: Peter Sandbichlers kunstvolle Resteverwertung von Altpapier in der Innsbrucker Galerie Thoman.

© schlockerMehr als sieben Meter lang ist dieses von Peter Sandbichler aus 112 Modulen gebaute Objekt, geformt aus alten Fahrradkartons.Foto: Schlocker



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Mehr als sieben Meter lang, fast vier Meter breit und 2,20 Meter hoch ist die Skulptur, die Peter Sandbichler in der Innsbrucker Galerie Thoman schweben lässt. Die gerahmten Faltbilder, die daneben hängen, sind dagegen gerade mal 30 mal 30 Zentimeter klein. Was sie verbindet, ist das Papier, aus dem sie gemacht sind. Allerdings nicht aus kostbarem handgeschöpftem, sondern aus recyceltem. Sind die Module, aus dem der 54-Jährige seine riesige Skulptur gebaut hat, doch aus gebrauchten Fahrradkartons geformt, die sonst in der Altpapiersammlung gelandet wären. Genauso wie die Zeitungen, aus denen die in japanischer Origami-Tradition gefalteten Bilder gemacht sind.

Er möge Werkstoffe, die eine Geschichte haben, sagt der gebürtige Kufsteiner, der seit vielen Jahren in Wien lebt und arbeitet. Außerdem erzeuge das Arbeiten mit Materialien, die praktisch nichts kosten und nur sehr wenig wiegen, eine ungeheure Freiheit. Diese „Resteverwertung“ zelebriert Peter Sandbichler, der sowohl bei Wander Bertoni wie Bruno Gironcoli in Wien bzw. Peter Weibel in Frankfurt studiert hat, auf höchstem Niveau, wie eines seiner seltenen Gastspiele in der Innsbrucker Galerie Thoman zeigt.

Das vorführt, wie lustvoll souverän der Künstler mit der Haptik von Papierenem in diversen Spielarten zu jonglieren vermag, wobei das Moment der Irritation immer eine zentrale Rolle spielt. Etwa bei dem riesigen Körper, den Sandbichler in die Galerie gehängt hat. Die knapp 150 Kilo, das dieses aus 112 vertikal bzw. horizontal verklebten, nach einem 3D-Modell aus Karton gebauten Modulen bestehende Mon­strum wiegt, sind angesichts seiner Größe ein Klacks. Genauso wie sein Transport bzw. seine Montage an der galeristischen Decke. Und dass die Oberflächen Spuren früherer Benutzung tragen, mag Peter Sandbichler. Sie werden zum Teil des Neuen, zur Struktur, zum unberechenbaren emotionalen Faktor, der das klar konstruktive Konzept der Arbeiten subversiv durchkreuzt.

Seit vielen Jahren macht Peter Sandbichler auch seine „Alten Schachteln“. Die allerdings nur so tun, als wären sie aus Karton, um in Wirklichkeit Abgüsse von zerbeulten Schachteln in Beton oder Bronze zu sein. Was also bei einem ersten Hinschauen als ganz leicht und fragil daherkommt, ist hier in Wirklichkeit schwer. Um auf diese Weise zu unkonventionellen Möbelstücken zu werden, die zu Besitzen etwa gar nicht so unbequem ist, wie man auf einen ersten Blick meinen möchte.

Sandbichler bezeichnet sich selbst als großen Zeitungsleser. Wobei auch hier Recycling für ihn ein Thema ist. Wenn er etwa einen Teig aus Papier und Kleister in einen im Vorfeld bearbeiteten Karton drückt, um auf diese Weise dessen Falten und Kanten zu übertragen.

Wunderbar in ihrer Fragilität sind Sandbichlers Origami-Objekte. Wobei es dem Künstler nicht egal ist, was er da faltet. Meist sind es Artikel, die er im großformatigen deutschen Feuilleton findet, um sie, indem er sie faltet, ihrer Lesbarkeit zu entziehen und in eine rein ästhetische Ebene zu transformieren. Fotos und Texte werden so zum Muster, subtil strukturiert durch Licht und Schatten.