Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.07.2018


Kunst

Das Ideal der Landschaft aufbrechen

Die Schau „Kunst Landschaft Tirol“ nimmt sich eines klassischen Themas an, ermöglicht aber mithilfe der Gegenwart neue Perspektiven.

© Stiftung Museion, BozenDie Schau „Kunst Landschaft Tirol“ vervollständigt die Sammlung Michael Seeber, u. a. mit Zeitgenossen wie Walter Niedermayr.



Von Barbara Unterthurner

Kitzbühel – Der Berg als Motiv. Ein Thema, das zumindest in Tirol so oft gezeigt und besprochen wurde, dass vor lauter Bergen die Landschaft nicht mehr zu sehen ist. Heute ist die Landschaft vor allem als Erlebniswelt Berg im touristischen Umfeld ebenso idealisiert wie in der Malerei der Romantik.

Für die zeitgenössische Kunst wird das Motiv ­Berg(-landschaft) interessant, wenn die Idylle aufgebrochen wird. Wenn der Idealisierung die Realität gegenübergestellt wird. Auf eine solche Entdeckungsreise geht das Projekt „Kunst Landschaft Tirol“, eine Ausstellung, die aktuell im Museum Kitzbühel gezeigt wird.

Die Kuratoren Carl Kraus und Wido Sieberer haben sich dafür unter anderem die Sammlung von Seilbahnbauer Michael Seeber ausgeliehen. Und die vorhandenen Lücken gefüllt. Denn obwohl die Südtiroler Sammlung erlesene Stücke, vor allem im Bereich der Zeichnung (Eduard Thöny, Paul Flora), aufweist, ist sie doch zeitlich beschränkt: auf die Klassiker der Südtiroler Malerei des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts mit einigen Ausschlägen in die Gegenwart. Umso interessanter deshalb, wenn die Sammlung sich in einen umfangreichen Überblick von der Romantik bis zur Gegenwart einfügt. Das ist den Kuratoren gelungen. Dank ebenso erlesener Leihgaben, von heroisch romantischer Freilichtmalerei über Stücke des Expressionismus bis hin zur kritischen Kunst der Gegenwart.

Eine durchaus gewollt plakative Gegenüberstellung haben die Kuratoren gleich in den ersten Ausstellungsraum angepackt: Dort wird Heinrich Heinleins dramatisch inszenierte „Landschaft im Charakter von Meran“ (1846) durch eine aktuelle Arbeit von Hans Weigand zeitgenössisch aufbereitet; in der Gegenüberstellung von Alfons Waldes „Almen im Schnee“ (1926) mit Jörg Hofers „Schneebrett“ (2016) erscheint das Motiv der Winterlandschaft plötzlich in einer ungeahnten Diversität. Ähnlich griffig auch Katharina Cibulka: Für „ist heute morgen“ werden alte Schindeln von Bauernhäusern zur Grenze, welche Räume durchbricht oder den Museumbesucher vermeintlich am Zugang hindert; und damit auch auf Aktuelles referiert.

Ein anderes Prinzip durchwandert die oberen Räume: Hier bedient man sich der Chronologie, der Abfolge von Stilen, um die Entwicklung in der Landschaftsmalerei zu verbildlichen. Exkurse wie jener der politischen Karikatur à la Flora fügen sich hier nur schwer in die vorgegebene Thematik ein. Sinnvoller scheint der Umschweif auf Plakatkunst in Tirol, die das Bild der Alpen doch maßgeblich mitgeprägt hat.

Reibungsfläche bietet der Vergleich: In den oberen Ausstellungsräumen werden Hochkaräter wie Ale­xander Koester, Gerhild Diesner, Hans Josef Weber-Tyrol, Marie Egner oder Carl Moser um Zeitgenossen wie Leonhard Angerer, Lois Hechenblaikner, Hubert Kostner, Gregor Sailer oder Michael Fliri vervollständigt. Auch ein Ausflug in die britische Land Art (Richard Long) darf in dieser Chronologie nicht fehlen.

Wandert man weiter durch die Sammlung Walde, entdeckt man die Wintersportbilder des Kitzbüheler Meisters neu; etwa dank Niedermayrs zeitgenössischer Bilder der Alpen. Ist Landschaft Idyll? Ist sie künstlich inszeniert oder real? Trotz der Omnipräsenz gut, wenn ein Thema neu beleuchtet wird (auch über die ambitionierte Publikation) – und wenn eine Sammlung eine Neubefragung nicht scheut.




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