Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 16.07.2018


Kunst

Klug recycelter Geschichtsmüll

Anna Jermolaewa hat einen gestürzten Lenin in die Innsbrucker Galerie Widauer gelegt.

© galerie widauerAnna Jermolaewa mit gestürztem Lenin in der Galerie Widauer.Foto: Gal. Widauer



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Mitten in der Galerie liegt eine vom Sockel gestürzte Leninfigur. Der Kopf ist ab, genauso wie ein Fuß und der ehemals güldene Lack. Jahrzehntelang ist die Figur des Verheißung versprechenden russischen Revolutionärs auf dem Sockel in einem kleinen ukrainischen Dorf gestanden, bis er vor fünf Jahren am Boden landete. Wo er ebenso unbeachtet wie früher als Stehender monatelang liegen blieb, bis ihn die seit fast 30 Jahren in Wien lebende russische Künstlerin Anna Jermolaewa nach zähen Verhandlungen um 500 Euro gekauft und abtransportiert hat.

Anlässlich ihrer dreiwöchigen Reise durch die ukrainische Provinz hat die Künstlerin 40 Orte besucht und die ihrer Lenins beraubten Sockel fotografiert. Die teilweise von der Bevölkerung mehr oder weniger kunstvoll behübscht oder zu Monumenten für die im Kampf gegen Russland gefallenen Ukrainer umfunktioniert worden waren.

In der Galerie Widauer zeigt Anna Jermolaewa anhand von Fotos und Videos einen reizvollen Stimmungsbericht dieser Spurensuche. Spannender als die Fotografien dieser trostlosen Orte sind allerdings die Kommentare der Menschen zu diesen von oben verordneten Leninstürzen, die ebenso skurril wie hintergründig ausfallen.

Etwas, was die Peter-Kogler-Schülerin Anna Jermolaewa, die sich selbst als Konzeptkünstlerin versteht, prinzipiell sehr mag. Steht doch die Idee bei dem, was sie macht, immer im Zentrum, die Wahl des jeweiligen Mediums ist von sekundärer Bedeutung. Dass sie eine sehr aufmerksame Beobachterin politischer Zu- und Umstände, besonders in ihrer ehemaligen Heimat – die die Dissidentin 19-jährig verlassen hat – ist, ist unübersehbar. Kommentiert allerdings mit viel Humor, was ihre Aussagen noch pointierter daherkommen lässt, sofern man bereit ist, sich auf sie einzulassen.

Etwa die Serie von Blumenstillleben, deren vordergründige sinnliche Opulenz hochpolitisch aufgeladen ist. Steht doch jede der Pflanzen für eine Revolution. Die Nelke etwa für die 1974 in Portugal, die Orange für jene in der Ukraine, für die in Georgien die Rose. Eine kleine Serie von Zeichnungen hat schließlich unmittelbar mit Jermolaewas Beziehung zu Innsbruck zu tun. Konkret mit der Winterolympiade von 1964, deren Eislaufprinzessinnen die großen Heldinnen der kleinen Russin waren.




Kommentieren


Schlagworte