Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 21.07.2018


Kunst

Radikale Extrakte von Kopfigem

Die Innsbrucker Galerie Maier erinnert an den deutschen Bildhauer und Zeichner Michael Croissant (1928–2002): der lange Weg vom Informel zur Archaik.

© Galerie MaierMichael Croissant: "Kopf rundlich", 1991 aus Bronze geschweißt.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Je älter und erfahrener der Innsbrucker Galerist Sepp Maier wurde, umso mehr hat er die Skulptur geliebt. Wobei es ihm besonders das Archetypische angetan hatte, die Reduktion auf ausdrucksstarke Urformen. Das fand Maier in der archaischen afrikanischen Stammeskunst genauso wie hierzulande. Etwa bei Joannis Avramidis oder auch Michae­l Croissant, dem die Galerie Maier nach vielen Jahren wieder einmal eine Ausstellung widmet.

Studiert hat der 2002 im Alter von 74 Jahren verstorbene Künstler an der Akademie in München, wo er auch gelebt hat. Prägend für Generationen junger Bildhauer wurde er dagegen durch die 22 Jahre, in denen er auf einem Lehrstuhl der renommierten Frankfurter Städelschule gesessen ist.

Die Ausstellung in der Galerie Maier führt schön vor, was Croissant alles war. Indem sie nicht nur den sich immer wieder wandelnden Bildhaue­r anhand repräsentativer Beispiel­e präsentiert, sondern auch den Zeichner. Wobei dies­e Arbeiten auf Papier durchaus als tastende Annäherungen an die dreidimensionale Form zu verstehen sind, um aber trotzdem mehr zu sein. Nämlich durchaus eigenständige Auseinandersetzungen mit Farben, Formen und Geometrien im Zweidimensionalen. Wobei sich Michael Croissant bisweilen sogar an das Großformat gewagt hat, wie sein in mäßig expressiver Handschrift auf Holz gemalter „Ganyme­d“ zeigt.

Auch hier ist die Reduktion auf nur wenige, farblich kontrastierende Ausdrucksträger Prinzip, abstrahiert noch daz­u zu symbolträchtigen Ausschnitten. Eine Vorgangs­weise, die auch der bildhauernde Croissant zunehmend raffinierter ausreizt. Hier wird der Kopf immer mehr zu seinem ganz großen Thema, wobei es nie um spezielle Menschen, sondern allein um Prototypisches geht.

Fast alle in der Ausstellung gezeigten Arbeiten sind Unikate, selbst die Bronzegüsse. Galt das zentrale Interesse dieses Künstlers doch dem Werden einer Skulptur, wobei ihm wichtig war, dass die Spuren der Entstehung wie Schweißnähte, kleine Löcher oder Grat­e immer stehen bleiben. Genauso wie die Patina, die im Freien stehende Skulpturen mit den Jahren ansetzen.

Der künstlerische Reifungsprozess, den Michael Croissant in seinem Leben durchgemacht hat, ist bemerkenswert. Sein radikales Sich-Befreien von informellen Anfängen in den 60er-Jahren über Köpfe, die zur rostigen Scheibe reduziert sind, bis zu Arbeiten, die fast wie ägyptische Ausgrabungen daherkommen.