Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 06.08.2018


Wiener Belvedere

Klimt ist nicht das Ende: Aufbrüche in die neuen Zeiten

Davon, was es neben Gustav Klimt und Egon Schiele um 1918 noch gegeben hat, erzählt die Ausstellung „Klimt ist nicht das Ende“ im Wiener Belvedere.

© belvedereEine von vielen Künstlerinnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auftraten: Marie-Louise von Motesiczky, die sich 1926 selbst gemalt hat.



Von Edith Schlocker

Wien – Natürlich hängen in der Ausstellung „Klimt ist nicht das Ende – Aufbruch in Mitteleuropa“ auch Arbeiten von Gustav Klimt und Egon Schiele. Neben solchen von 88 anderen, zur selben Zeit oder kurz danach entstandenen. Gemalt, gezeichnet oder gebildhauert von mehr oder weniger bekannten Künstlern.

Gerade heuer, dem Jahr, in dem sich der Todestag nicht nur von Klimt und Schiele, sondern auch von Koloman Moser und Otto Wagner zum 100. Mal jährt, an diese anderen, die oft völlig zu Unrecht in ihrem Schatten stehen, zu erinnern, ist nicht mehr als gerecht. Um aufzuzeigen, dass mit dem Tod von Klimt und Schiele zwar eine Ära zu Ende gegangen ist, nicht aber eine höchst lebendige, zukunftsorientierte Szene.

Aufbrüche der unterschiedlichsten Art war ihr Thema, ein zunehmendes Hinausschauen über den Tellerrand, eine Vernetzung über politische, geografische und ideologische Grenzen hinaus. Das Ergebnis war eine Heterogenität künstlerischen Schaffens, die in kaum einer anderen Epoche der Kunstgeschichte breiter war als in der Zeit zwischen den beiden großen Kriegen.

Im Zentrum der Schau im Unteren Belvedere stehen die auf unterschiedliche Weise avantgardistischen Strömungen in Österreich und den diversen Nachfolgestaaten der Monarchie. Vorgeführt anhand der wichtigsten Protagonisten, unter denen sich erstaunlich viele bemerkenswerte Künstlerinnen finden.

Am Beginn der klug in Kapitel gegliederten Schau steht das Klimt’sche Spätwerk, das von vielen seiner jüngeren Künstlerkollegen bereits zu seinen Lebzeiten als überholt angesehen wurde. Um trotzdem zum entscheidenden Impulsgeber etwas für Künstler wie Albin Egger-Lienz oder Oskar Kokoschka zu werden, bevor sie ihre eigenständigen Handschriften entwickelten. Andere Künstler des zerschlagenen Vielvölkerstaats wandten sich dagegen von vornherein Strömungen wie dem Expressionismus, Surrealismus, dem Neusachlichen, Phantastischen oder kühl Rationalen zu, deren Wurzeln zwar auf die Zeit vor 1914 zurückgehen, durch die durch den politischen Neuanfang aufkommende Aufbruchsstimmung aber Oberwasser bekamen. Wobei Wien als Zentrum ausgedient hatte, durch etwa Berlin und Paris ersetzt wurde. Denn künstlerische Identität wurde zunehmend wichtiger als nationale, die Kommunikation über die neue­n politischen Grenzen hinweg war lange vor EU-Zeiten offenbar kein Problem.