Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 02.10.2018


Kunst

Entdeckungen an der Hand des Meisters

Einzigartiges Eintauchen in die Wimmel-Welt Pieter Bruegels: Im Kunsthistorischen Museum in Wien feiert eine Schau der Superlative den flämischen Meister großer Themen und kleinster Details.

© KHM



Von Bernadette Lietzow

Wien – „Once in a lifetime“ ist der Slogan, der der schlicht „Bruegel“ betitelten Ausstellung im Wiener Kunsthistorischen Museum beigestellt ist: Einmaligkeit kann man dieser Präsentation zu Recht attestieren, die Leihgaben aus aller Welt mit den Sammlungsschätzen vereint, über Mediengrenzen Malerei, Zeichnung wie Druckwerke mit Raffinesse kombiniert und in wissenschaftlicher Detektivarbeit Schaffensprozesse beleuchtet. Exquisit sind die Schirmherren, die die Schau gestern aus der Taufe hoben: Neben Bundespräsident Alexander Van der Bellen beehrte auch das belgische Königspaar die feierliche Eröffnung.

Im September 2019 jährt sich der Todestag Pieter Bruegel d. Älteren zum 450. Mal – vor allem in seiner heute belgischen Heimat schickt man sich an, den Jubilar im kommenden Jahr groß zu feiern. Den Auftakt zum „Bruegel-Fest“ bestreitet nun das KHM, das begünstigt durch habsburgische Sammelleidenschaft zwölf der nur vierzig erhaltenen Gemälde des flämischen Malers sein Eigen nennen kann. Der mehr an Kunst und Wissenschaft als an seinen Herrscherpflichten interessierte Kaiser Rudolf II. erfreute sich an Bruegels 1563 entstandenem „Turmbau zu Babel“, diesem lichten Meisterwerk mit seinen Etagen, Einblicken in das Gebäude und Ausblicken in eine weite Landschaft, der Figurengruppe mit König und den Steinmetzen im Vordergrund.

Dem bekannten Bild zur Seite steht nun sein düsterer Zwilling – erstmals wieder vereint seit der „gemeinsamen“ Zeit in Rudolfs Hradschin. Spannend ist diese Gegenüberstellung, scheint doch der in seinen Bildmaßen deutlich kleinere „Turmbau“, der sich heute im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam befindet, nahezu menschenleer und von einer finsteren Wolke beschattet. Zudem spielt Bruegel gewandt mit den Perspektiven, so lädt der „Wiener Turmbau“ mit dem etwas erhöhten Blickwinkel in das Innere des Stufenbaus, während man beim Referenzbild aus Rotterdam gleichsam draußen zu bleiben hat.

Dem Habsburgischen Statthalter der Niederlande und Bruegel-Liebhaber Erzherzog Ernst machte die Stadt Antwerpen das nicht allein aufgrund der Preise, die Bilder des Künstlers schon zu dessen Lebzeiten erzielten, kostbare Geschenk des „Jahreszeiten“-Zyklus. Zu den KHM-Werken wie „Die Jäger im Schnee“, „Die Heimkehr der Herde“ und „Der Düstere Tag“ gesellt sich nun auch das aus der Prager Burg angereiste und in seinem warmfarbigen Detailreichtum berückende Bildnis „Die Heuernte“. Kurze Zeit vor diesen Werken, die sich der Landschaft und den in ihr agierende Lebewesen, den Bauern und Jägern, Rindern und Hunden widmen, arbeitet Bruegel Anfang der 1560er Jahre an ganz anderen Sujets, die nicht nur die Komplexität seiner Kompositionen unter Beweis stellen, sondern auch auf die surrealen Bildwelten seines Landsmannes Hieronymus Bosch verweisen. Beeindruckend ist die „Dulle Griet“ aus Antwerpen: „Die Tolle Grete“, eine Art verrückte wie riesengroße Jeanne d’Arc, stiefelt hier bewaffnet mit Schwert und Bratpfanne dem Höllenschlund entgegen, während ihr weibliches Gefolge auf zahlreiche männliche Gestalten einprügelt. Kunsthistoriker sind einig, dass Bruegel hier Geschlechterbeziehung wie hierarchische Rollenzuschreibung aufs Korn genommen hat. Ein Kommentar, der auch 450 Jahre später in seiner satirisch-schockierenden Drastik verfängt.

Ebenso in Boschs Tradition steht „Der Triumph des Todes“, das makabre Wimmelbild aus dem Prado mit Skeletten und dem Sensenmann, Phantasiewesen und Höllenwägen. Das seit 2012 laufende Forschungsprojekt, dessen Frucht neben wissenschaftlichen Publikationen diese „Blockbuster“-Schau ist, förderte neue und in den Nebenkabinetten der großen Ausstellungsräume sorgfältig präsentierte Erkenntnisse zutage. Moderne Verfahren lassen Rückschlüsse auf von späteren Besitzern der Werke veranlasste Übermalungen allzu derber Figuren zu, daneben kann man mit der Sichtbarmachung von Bruegels Vorzeichnungen dessen Arbeitsweise und Bildüberlegungen nachvollziehen.

Eine Reise in Bruegels Kosmos der unzähligen Bild-Geschichten hält die Seite www.insidebruegel.net bereit, ein Trostpflaster auch für jene, die bis 13.1. keinen Wien-Besuch einplanen können.