Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.10.2018


Kunst

Wiener MAK: Weltflucht in den schönen Schein

„Beauty“ als Wille und Vorstellung: Stefan Sagmeister und Jessika Walsh bespielen das Wiener MAK.

© Aslan Kudrnofsky/MAK Müllsäcke und Pfau: In einer Mitmachausstellung verkündet das Star-Designer-Team Sagmeister & Walsh seine ambivalente Botschaft des Schönen.Foto: MAK



Von Bernadette Lietzow

Wien – Nebel als Programm und Mitmachen als Devise: Durch das auf einen Dampfschleier projizierte Ausstellungslogo, ein riesiges rosenumranktes Schnörkel-B, betritt man das seit vergangener Woche vom Designer Stefan Sagmeister und seiner Studiopartnerin Jessica Wals­h in Beschlag genommene MAK, das Museum für Angewandt­e Kunst am Stubenring. Das Rokoko-B steht für „Beauty“ und Sagmeister & Walsh sind gestrenge Lehrmeister in Sachen „Schönheit“.

Die Ordnung des Begriffskosmos „Schönheit = Funktion = Wahrheit“ machen der 1962 in Bregenz geborene, seit Langem in New York lebende Grafikdesigner und seine Mitstreiterin zum Ausgangspunkt ihrer Schau. Dass sie dabei in erster Linie harmlose Freundlichkeiten zutage fördern und nahezu fahrlässig apolitisch das „anything goes“ der 1990er-Jahre feiern, ist das große Problem dieser als „sinnliches Plädoyer für die Lust am Schönen“ gedachten Präsentation.

Im Foyer des MAK lädt ein rundes Polster zum Verweilen in der Horizontalen, begleitet von Popklängen kann man es sich unter Nils Völkers Installation aus luftgefüllten, sanft schaukelnden Plastiksäcken gemütlich machen oder über das Schicksal des Pfaus nachsinnen, der ebenso die Halle ziert. Es wird Zeit, die „Beauty“-gelabelten Kartonmünzen anzuwenden, die man anstelle des Tickets erhält – das Kassenpersonal wie auch sämtliche Aufseher tragen übrigens weißen Glitzerkreis auf blauem Sweatshirt, in hoffentlich ironisch gedachter Anmutung an Textilkonzern-Mainstream-Chic. Savanne, Südsee oder Berge, den genehmsten Duft, die Wahl zwischen einem echten oder falschen Mondrian lassen sich per Münze bewerten. Riechen und Spüren allerorten: Diese seltsam angeleitete und eingehegte Publikumsbeteiligung verheißt Quote. Bling und Wellness verspricht der in Kooperation mit dem Premiumpartner Swarowski entstandene „Sensory Room“. Im weißen, glitzersteinchenverzierten Kubus, in dessen Innerem Regenbogenlicht, Urwaldgeräusche und Zitrusdunst regieren, soll die Seele baumeln – so man nicht unter Klaustrophobie leidet.

Inhaltlich spannend, in ihrer Auswahl jedoch beliebig reihen die Ausstellungsmacher Kunst-Projekte aneinander wie die in ihren gesellschaftswirksamen Folgen bemerkenswerte Farbgestaltung trister Fassaden in Tirana in der Amtszeit des ehemaligen Bürgermeisters und nunmehrigen albanischen Ministerpräsidenten Edi Ram­a oder Thierry Jeannots Kronleuchter, den mexikanisch­e Müllsammlerinnen aus Plastikabfal­l formten.

Argumentativ brachial zurechtgebogen ist Sagmeister & Walshs These von der Schuld der Moderne an der ästhetischen Konzeption der Gegenwart: Bösewichte sind Adolf Loos, Mies van der Roh­e und Le Corbusier. Schautafeln stellen gefährlich naiv, da offensichtlich unüberlegt Strategien der NS-Ausstellung zu „entarteter“ Kunst aufgreifend, der angeblichen Pfui-Architektur des Internationa­l Style „schöne Gebäude“ wie altchinesische Pagoden gegenüber. Ärgerliches, Plattes, Nettes und Glattes: Fragwürdig manifestiert sich in „Beauty“ eine Banalität des Schönen.