Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 30.10.2018


Kunst

Tauchgänge in Farbtöpfe

„Vom Hunger nach Bildern“ von drei Künstlern und einer Künstlerin erzählt eine von Gerald Matt in der Innsbrucker und Wiener Galerie Thoman kuratierte Ausstellung.

© Bei Thoman Innsbruck: Florin Kompatscher, „Ohne Titel“, 2015.Foto: Galerie Thoman



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Was die Maler Siegfried Anzinger, Eva Bodnar, Florin Kompatscher und Otto Zitko gemeinsam haben, ist ihr Aufwachsen mit der Minimal und Concept Art der 60er- und 70er-Jahre. Mit deren kopfigen Konzepten sie herzlich wenig anfangen konnten, verstanden sie das Kunst-Machen doch weniger als intellektuellen, sondern als zutiefst sinnlichen Akt. Wollten sie doch wieder malen, ihre Pinsel tief in Farbtöpfe tauchen und dabei ihren Emotionen freien Lauf lassen. Sie waren hungrig nach Bildern, mit dem Effekt, dass ihre Ateliers nun nicht mehr wie sterile Labore daherkamen, sondern vom Geruch der Öl­farbe erfüllt waren.

Gerald Matt, der langjährige Leiter der Kunsthalle Wien, hat die Ausstellungen in der Innsbrucker wie Wiener Galerie von Elisabeth und Klaus Thoman kuratiert, in der die Positionen der vier Künstler in ihrer Ähnlichkeit wie Verschiedenheit zelebriert werden. Durch Nachbarschaften, die schön formale Ähnlichkeiten auftun und gleichzeitig ihr grundlegendes Anderssein begreifbar machen. Ausdruck der Persönlichkeitsstrukturen ihrer Macher, der Art, wie sie ticken. Die vier Künstler in die Schublade „Neue Wilde“ zu stecken, ist für Matt ein Denkfehler. Seien sie doch nicht – wie etwa ihre deutschen Kollegen – vom Expressionismus inspiriert, sondern von der Kunst der Nachkriegsmoderne. Was das, was sie machen, weniger bauchig, weniger von reinen Emotionen getrieben macht.

Das in der Galerie Thoman Gezeigte spannt den Bogen von den Achtzigerjahren bis heute. Bestückt mit Arbeiten, die man dem einen oder anderen ihrer Schöpfer niemals zuordnen würde. Etwa ein frühes, noch im Figuralen verhaftetes Bildchen von Otto Zitko, den man als vehementen Gestiker kennt, als Macher farbiger Knäuel, die er am liebsten direkt an Wände knallt. Um auf diese Weise seine ganze körperliche Kraft in einem erschöpfenden Malakt zum Bild werden zu lassen. Entwickelt im Idealfall aus einer einzigen Linie heraus, die sich immer mehr verdichtet, in einem unumkehrbaren Prozess zu einer Einheit verknotet.

Neben einem dieser letztlich zeichnerischen Kraftakte hängt ein Bild von Florin Kompatscher, in dem der Südtiroler Maler und Grafiker ebenfalls mit dynamischen Strukturen spielt. Allerdings als höchst konzentrierter Prozess, mit strategischem Kalkül durchdekliniert in den unterschiedlichen Varianten. Die Malerei an sich ist sein Thema, ihre Möglichkeiten, wobei das rein malerische Prinzip immer im Zentrum seines letztlich experimentellen Tuns steht.

Auf einen ersten Blick zeigen sich in den Bildern von Eva Bodnar mit denen von Zitko und Kompatscher durchaus Parallelen. Um sehr bald zu spüren, dass es hier um grundlegend anderes geht. Ist die in Wien lebende Ungarin doch eine Gefühlige, eine mystisch Durchpulste, die sich von ihrer eigenen Malerei gern überraschen lässt. Trotz so mancher assoziativer Details bleibt sie die (Er-)Finderin letztlich abstrakter Innenbilder, die von einer feinen Farbigkeit dominiert sind.

Komplett von seinen „wilden“ Anfängen entfernt hat sich auch Siegfried Anzinger. Um sich zum Geschichtenerzähler zu mausern, der mit viel Poesie, die er gern mit Ironie und erotischen Anspielungen garniert, weit ausholt. Bisweilen lässt er auch einzelne Figuren real aus seinen Bildern steigen, die allerdings trotz ihrer in Ton geformten Haptik absolut malerisch daherkommen.