Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 04.11.2018


Bezirk Kufstein

Kramsacher “Totentanz“: Der Sensenmann in Tanzlaune

Im Museumsfriedhof Kramsach erinnert ein 20 Meter langes Kunstwerk an Vergänglichkeit und Tod. Entworfen hat den Kramsacher Totentanz Markus Thurner.

© thurner„Der Totentanz“ ist aus Cortenstahl gefertigt und von hinten beleuchtet.



Von Peter Hörhager

Kramsach – Tod und Tanz – passt das zusammen? Ja, denn nach altem Volksglauben greift um Mitternacht auf den Friedhöfen der Sensenmann zur Geige und lockt mit seinem Spiel die Toten aus den Gräbern und animiert sie zum Tanz. Diese wollen dann selbst Lebende in ihren Tanz einbinden. Wer sich darauf einlässt, stirbt! Nach dem Tod finden die armen Seelen keine Ruhe und steigen nun ihrerseits des Nachts aus ihren Gräbern.

Diese wahrlich sagenhafte Interpretation hat eine klare Zielrichtung. „Der Zwang des Tanzes soll alle, Reiche und Arme, zur rechtzeitigen Buße bewegen und sie mahnen, den Tod vor Augen zu haben“, hält P. Thomas Naupp, Bibliothekar im Stift Fiecht, in seiner theologischen Betrachtung für ein besonderes Kunstwerk fest. Die Rede ist von einem monumentalen „Totentanz“, den der Künstler Markus Thurner entworfen hat. Realisiert (in Cortenstahl) wurde das 20 Meter lange Skulpturenband von Mitarbeitern der Sagzahnschmiede in Kramsach, wo es nun unübersehbar den Eingang zum Museumsfriedhof markiert.

Laut Siegmund Kogler (Präsident der Europäischen Totentanzvereinigung) ist Thurners Totentanz der weltweit größte. Auf zehn Bildtafeln zeigt der Künstler Szenen, in denen der Tod jeweils einen Menschen zum Tanz auffordert, ihn hemmt oder mit sich zieht. Un- terbrochen werden die Tafeln durch zwölf allegorische Figuren, die Gleichgültigkeit, Wut, Zorn und ähnliche Wesenszüge ausdrücken. Für die (durchaus aktuellen) Textpassagen gewann Markus Thurner den deutschen Kabarettisten Wilfried Schmickler.

Thurner knüpft mit dem von „Sagzahnschmied“ Hans Guggenberger initiierten Totentanz an eine jahrhundertealte Tradition an. Laut Kogler sind Totentänze bereits im Spätmittelalter nachgewiesen. Pater Thomas: „Unsere heutige Gesellschaft verdrängt Krankheit, Verfall und Tod. Der Mensch scheint ein Leben lang jung, dynamisch und leistungsfähig zu sein. Die Frage nach dem Leben nach dem Tod gehört aber wesentlich zur kirchlichen Lehre von den so genannten ,Letzten Dingen‘.“

Der Kramsacher Totentanz erweitert den Reigen älterer und alter Darstellungen in Tirol. Egger-Lienz schuf in Lienz einen bekannten Totentanz, weitere Darstellungen gibt es unter anderem in der Auferstehungskirche Breitenwang, in Elbigenalp, in Elmen, Kufstein, Schattwald oder Scheffau.

Künstler Markus Thurner bei der Arbeit.
- Thurner