Letztes Update am Sa, 03.11.2018 06:44

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Die Kunst und ihre Grenzen

Gemälde werden abgehängt, Skulpturen vernichtet. Sind die neuen gesellschaftlichen Tabus eine Bedrohung für die Kunst? Ein Gespräch mit Kunstkritiker Hanno Rauterberg.

© ImagoDer Kunstkritiker Hanno Rauterberg auf der Frankfurter Buchmesse 2018.



Das Verständnis, was die Freiheit der Kunst bedeutet, hat sich sehr gewandelt. Inwiefern ist die Freiheit der Kunst bedroht?

Hanno Rauterberg: Ich spreche oft mit Künstlern und Museumsdirektoren. Viele erzählen mir, dass sie sich nicht mehr so frei fühlen. Es gibt einen gesellschaftlichen Wertewandel, der sich nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch im Film und im Theater bemerkbar macht. Moralische und soziale Konflikte werden heute in den Arenen der Kultur ausgetragen. Es wird weniger über Ästhetik gestritten, dafür umso mehr über moralische Fragen wie zum Beispiel: Darf ein guter Künstler auch ein schlechter Mensch sein? Und wo verlaufen die sittlichen Grenzen seiner Kunst?

Sie schreiben „Die Kunst war immer auch Gegner, ein Hassobjekt“. Wie manifestieren sich die Angriffe gegen die Kunst heute?

Rauterberg: Kunst war immer umstritten, aber es waren meist konservative Parteien oder die Kirche, die unsittliche und blasphemische Umtriebe witterten. Heute gibt es immer noch Konflikte mit der Obrigkeit, aber es gibt mindestens so starke Konflikte mit einem Teil des Publikums. Dieses Publikum fühlt sich aufgeklärt, zählt zum linksliberalen Milieu und will sich bestimmte Dinge nicht mehr bieten lassen. Diese Menschen akzeptieren nicht mehr, wenn Künstler als Machos auftreten oder Frauen in der Kunst diskriminiert werden. Auch Tiere dürfen nicht mehr gequält werden. Im New Yorker Guggenheim Museum musste eine Video-Installation, die angekettete Hunde zeigte, abgebaut werden, weil sich Tierschützer dagegen aufgelehnt haben.

Was spricht denn dagegen?

Rauterberg: Nichts spricht gegen Emanzipation, nichts gegen Tierwohl, doch die Darstellung von Unrecht in der Kunst ist ja selbst kein Unrecht. Das wird oft verwechselt. Dabei geht es in der Kunst ja gerade darum, dass sie frei ist, uns mit Dingen zu konfrontieren, die uns unbequem sind, vielleicht auch verletzend. Moderne Kunst, hieß es lange, soll verstören. Heute hat man eher den Eindruck: Sie soll uns besänftigen.

Die so genannte Digitalmoderne spielt dabei eine entscheidende Rolle. Warum?

Rauterberg: Früher gab es die Zensur „von oben“. Heute macht sich eine Zensur „von unten“ bemerkbar. In der Digitalmoderne ist es leichter geworden, eine Petition aufzusetzen, um dann ein breites Echo über die sozialen Medien zu erzeugen. Plötzlich unterschreiben eine halbe Million Leute eine Petition gegen eine Video-Installation und das Museum gerät unter Druck. Das Erschreckende: Die Freiheit der Kunst wird auch dort in Frage gestellt, wo sie einst von der Aufklärung errungen wurde.

Warum ist das so? Weshalb sollen der Kunst neue Grenzen gesetzt werden?

Rauterberg: Viele Leute haben ein Problem mit der Freiheit. Und das liegt an der gesellschaftlichen und ökonomischen Liberalisierung, die von manchen Menschen als Bedrohung empfunden wird. Sie wünschen sich neue, klare Grenzen. Für manche sollen es nationale Grenzen sein, andere denken eher an kulturelle Grenzen, um ihre Identität zu schützen. In der Kunst jedoch ging es immer um Entgrenzung. Deshalb ist es nicht so verwunderlich, dass sie von manchen angefeindet wird.

Gab es moralische Diskussionen in der Kunst nicht immer schon?

Rauterberg: Ja, aber dem Künstler stand es frei, sich über die Moral zu erheben. Caravaggios Bilder wusste man zu schätzen, obwohl er als Mensch ein Scheusal war. Heute ist das anders, das haben wir in der #MeToo-Debatte erlebt. Es ist richtig, dass ein Schauspieler wie Kevin Spacey vor Gericht gestellt wird, wenn er sich an Minderjährigen vergangen haben sollte, aber ihn dafür aus Filmen herauszuschneiden, das ist eine neue Dimension. Ich finde es richtig, dass sich im Bewusstsein etwas verändert, nur würde ich davor warnen, einzelne Kunstwerke dafür haftbar zu machen, was der Urheber möglicherweise verbrochen hat.

Wie soll man mit den Protesten umgehen?

Rauterberg: Viele der Proteste haben einen politischen Kern, den man ernst nehmen muss. So ist es beispielsweise ein Skandal, dass Kunstwerke von Frauen schlechter bezahlt werden als die von Männern. Solche Fragen müssen in den Museen gestellt werden, ohne aber die Kunst in das Korsett gesellschaftlicher Moral zu zwängen.

Warum ist es so wichtig, dass die Freiheit der Kunst gewahrt bleibt?

Rauterberg: Die Kunst lebt vom produktiven Kontrollverlust, davon, dass der Mensch sich in Anbetracht der Kunst selber fremd wird. Es braucht die Bereitschaft, die Freiheit der Kunst als eine Möglichkeit der Selbstreflexion auszuhalten. Als ein Spielraum, in dem auch das Verdrängte seinen Platz hat und alle darüber streiten dürfen. Wie dumm wäre ein Gesellschaft, diesen Spielraum abzuschaffen.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl




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