Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 23.11.2018


Bezirk Landeck

Als Mathias Schmid im Depot für Raubkunst landete

Bilder von Schmid und Defregger haben eine bedrückende Reise hinter sich. Das Ischgler Schmid-Museum zeigt sie in Erinnerung an die Judenpogrome.

© WenzelLiebespaar im Paznaun, Öl auf Leinwand, 74,5 x 96 cm, von Mathias Schmid um 1890. Das Gemälde gehörte der jüdischen Familie Oskar und Jenny Grünhut. Die Nazis beschlagnahmten es für das Führermuseum in Linz.



Von Helmut Wenzel

Ischgl – „Das Vaterland ruft.“ Das steht auf einer Postkarte, gedruckt im Ersten Weltkrieg. Das Bildmotiv zeigt ein junges Paar, im Hintergrund ist die Kirche in Langesthei (bei Kappl) zu erkennen. Das Original mit dem Titel „Liebespaar im Paznaun“ schuf der Paznauner Genre-Maler Mathias Schmid (1835–1923). Offenbar hat der Postkartenverlag das Bild missbräuchlich für Kriegspropaganda genutzt, wie Schmid-Experten feststellen. Aber das ist nur eine Fußnote zu einer Geschichte mit ganz anderen tragischen Dimensionen.

In München hatte der jüdische Fell- und Rohlederhändler Oskar Grünhut mit seiner Gattin Jenny eine Bildersammlung angelegt, speziell mit Werken der „Münchner Schule“, darunter Franz Defregger (1835–1921) aus Osttirol und Mathias Schmid. Im Zuge der Judenpogrome 1938 beschlagnahmte die Gestapo die Kunstsammlung der Grünhuts. Das Ehepaar wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und wenig später ermordet. Ihrem Sohn Fritz und Schwiegertochter Anneliese gelang 1941 in letzter Minute die Flucht nach Milwaukee (US-Bundesstaat Wisconsin), wo sie ihre deutschen Namen ablegten und unter Fred und Annelies Gruen lebten.

Diese Variante des Schmid-Bildes (Hintergrund: Kirche in Kappl-Langesthei) landete ebenso im Raubkunstdepot.
- Wenzel

Einige Werke aus der Grünhut-Sammlung waren für das geplante Führermuseum in Linz vorgesehen. Doch weil die alliierten Truppen vorrückten und der „Sonderauftrag Linz“ scheiterte, legten die Nazis Raubkunstdepots an – im Salzbergwerk in Altaussee (Steiermark) und im Kloster Beuerberg (Bad Tölz).

Nach Kriegsende entdeckten US-amerikanische Truppen die Depots, darunter auch Gemälde aus der Sammlung Grünhut. Fred Gruen konnte nach 1945 mit Hilfe eines Anwalts zumindest Teile der Sammlung seiner Eltern ermitteln. Die Bilder wurden restituiert und in die USA gebracht. Bis zum Tod von Annelies Gruen, die 2015 im Alter von 95 Jahren starb, befand sich die Sammlung in Familienbesitz Gruen.

Das Werk "Junger Mann mit Pfeife" von Franz Defregger. Auch das gehörten Grünhut.
- Wenzel

Eine Notiz von Friedrich Heinrich Zinckgraf, Sachverständiger der Reichskammer für bildende Kunst, die sich auf der Rückseite von Defreggers Bild „Junger Mann mit Pfeife“ fand, macht die eiskalte Vorgangsweise der Nazis deutlich: Mit Datum 29. Juli 1942 bestätigte er die Echtheit des Defregger-Gemäldes und „Ausgeführt in Öl auf Holz“. Es war derselbe Tag, an dem Oskar und Jenny Grünhut mit Transport II/20 aus München deportiert worden sind.

Heuer kamen aus einer Nachlass-Auktion in den USA die restituierten Gemälde von Defregger und Schmid ins Mathias-Schmid-Museum in Ischgl. „Wir verneigen uns vor Jenny und Oskar Grünhut“, unterstreicht Museumsleiter Erwin Cimarolli, der seit 20 Jahren Schmid-Bilder sammelt. Er möchte, „dass vor allem die jüngere Generation weiß, was bei den Judenpo­gromen passiert ist“.