Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 04.01.2019


90. Geburtstag

Arik Brauer: Der universale Phantast

Künstler, Musiker, Bühnenbildner und Grafiker: Arik Brauers Talente sind vielseitig. Heute wird die Wiener Kultfigur 90 Jahre alt.

Ein ewig Getriebener: Auch mit 90 Jahren denkt Brauer noch nicht ans Aufhören.

© APA/ROBERT JAEGEREin ewig Getriebener: Auch mit 90 Jahren denkt Brauer noch nicht ans Aufhören.



Von Barbara Unterthurner

Wien – „Man wird schon zum phantastischen Realisten, wenn man in Ottakring aufwächst“, meinte Arik Brauer vor einigen Jahren in seinen gesungenen und erzählten Berichten „A Gaude war’s in Ottakring“ im Wiener Stadttheater Walfisch. Es sind eindrückliche Erzählungen aus den Jahren 1934 bis 1945, die der Künstler und Musiker Arik Brauer auf die Bühne brachte. Von seinem Leben erzählt nun auch ein neues Stück im Rabenhof. In „Arik. Die wunderbar realistische Welt des phantastischen Herrn Brauer“ zeichnet seine Tochter Ruth Brauer-Kvam das bewegte Leben des Künstlers nach. Ab 22. Februar wird außerdem das zentrale Thema der Frauendarstellungen des Malers vom Salzburg Museum in einer umfassenden Schau gezeigt – nur zwei von etlichen Würdigungen, geradezu passend für den 90. Geburtstag, den Arik Brauer heute begeht.

90 Jahre, in denen der gebürtige Wiener nie um ein Statement verlegen war – zum künstlerischen Diskurs oder zu aktuellen politischen Fragestellungen. Einen „Zeitzeugen vom Dienst“ nannte er sich in Interviews selbst. Als Erich Brauer wurde er 1929 in eine russisch-jüdische Familie im Wiener Arbeiterbezirk Ottakring geboren. Der spätere Künstler überlebte in einem Versteck die NS-Zeit, sein Vater verstarb 1944 in einem Konzentrationslager in Lettland.

Mit 16 Jahren inskribierte sich Brauer in der Wiener Akademie der Bildenden Künste, studierte dort bei Herbert Boeckl oder Albert Paris Gütersloh. Letztgenannter war prägend für die späteren Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, eine Künstlergruppe, die sich mit Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden in den Fünfzigern formierte. Der von Kunstkritiker Johann Muschik geprägte Stilbegriff meint eine Richtung, die dem Surrealismus nahesteht. Auch bei Brauer ist diese geprägt durch eine präzise, geradezu altmeisterliche Malweise, leuchtende ineinander verlaufende Farben und die Vermischung historischer Narrative und Symbolik mit zeitgeschichtlichen und aktuellen Motiven.

Zeitgeschichtliches und persönliche Erinnerungen verarbeitete Brauer zeitlebens auch in Form von Musik. Nach ausgedehnten Reisen ließ er sich nach dem Studium mit seiner Frau Naomi in Paris nieder, wo das Paar mit Singen seinen Lebensunterhalt bestritt. Noch vor Brauers Karriere als Künstler, die ebenso in Paris startete. Mit eingängigen und bewusst gesellschaftskritischen Dialektsongs erreichte Brauers Gesangskarriere zurück in Wien ihren Höhepunkt. „Sie ham a Haus baut“ und „Hinter meiner, vorder meiner“ stehen auch für die Anfänge des Austropops.

Der oftmals als Universalkünstler bezeichnete Brauer war außerdem als Grafiker und Bühnenbildner tätig. 1975 war er verantwortlich für Kostüme und Bühnenbild der „Zauberflöte“ an der Pariser Oper, weitere Produktionen in Zürich und Wien folgten. In seiner Heimatstadt wandte sich der Künstler, wie auch seine Kollegen Fuchs oder Hundertwasser, der Architektur zu: 1993 wurde das „Brauer Haus“ eröffnet. Schließlich wurde er auch als Professor an die Akademie berufen – eine Tätigkeit, die er bis 1997 ausführte.

Zahlreiche weitere Ehrungen wurden dem Künstler in 90 Jahren zuteil, darunter auch das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich, das Brauer erst Ende November im Rahmen des Antisemitismus- und Antizionismus-Kongresses in Wien erhielt. Beim Festakt im Naturhistorischen Museum warnte er in seiner Rede von importiertem Antisemitismus. „Die Araber haben ein Problem mit uns, und wir eines mit ihnen“, meinte Brauer. Der Künstler ließ sich eben nie vereinnahmen, stieß mit seinen Aussagen die Rechte, Linke und auch die Mitte vor den Kopf. Und er wird das auch noch weiterhin machen, denn Brauer ist künstlerisch höchst aktiv. Bis zu acht Stunden täglich widme er sich nach eigenen Aussagen der Kunst.