Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 21.01.2019


Kunsthaus Bregenz

Crashtest-Dummies, die weinen

Der britische Videokünstler Ed Atkins füllt das Kunsthaus Bregenz mit seinen verstörenden Bildern menschlicher Einsamkeit. Begleitet von musikalischen Ohrwürmern.

Bilder einer beklemmenden Selbstdemontage: Still aus Ed Atkins 2016 entstandener Drei-Kanal-HD-Videoinstallation "Safe Conduct".

© ed atkinsBilder einer beklemmenden Selbstdemontage: Still aus Ed Atkins 2016 entstandener Drei-Kanal-HD-Videoinstallation "Safe Conduct".



Von Edith Schlocker

Bregenz – Obwohl der britische Künstler Ed Atkins mit seinen 37 Jahren mit dem Digitalen aufgewachsen ist, leidet er ganz offensichtlich an diesem. Um es andererseits zum primären Medium seiner Kunst zu machen, mit der der in Berlin und Kopenhagen Lebende derzeit alle vier Geschoße des Bregenzer Kunsthauses infiltriert. Mit starken Bildern, die verstören, berühren, jeden Anflug von Hoffnung vernichten. Und das fast immer begleitet von musikalischen Ohrwürmern, in der im Erdgeschoß eingerichteten Mehrkanal-­Videoinstallation „Safe conduct“ etwa von Ravels teilweise in ohrenbetäubender Lautstärke gespieltem „Bolero“.

Was hier zu sehen ist, kommt wie die pathetisch zelebrierte Parodie eines Demonstrationsvideos für die Sicherheitsschleuse eines Flughafens daher. Eine Figur, die – wie fast immer – nicht zufällig das digitale Alter Ego von Ed Atkins ist, seziert sich hier in einer wahnsinnigen One-Man-Show selbst. Er häutet sich mehrmals, bevor er seine Augäpfel genauso wie seine Hände, die Leber, Gedärme, Herz und Gehirn sowie eine Pistole in die auf einem Fließband kreisenden weißen Schalen wirft, um letztlich in einer British-Airways-Maschine davonzufliegen, wohin auch immer.

Ed Atkins’ Figuren sind alles andere als strahlende Superhelden. Es sind vielmehr von Ängsten, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit und Paranoia getriebene Crashtest-Dummies, was sehr viel mit seiner eigenen Befindlichkeit zu tun habe, so der international gefragte Videokünstler, der auch schreibt und zeichnet. Um etwa im zweiten Stock des Kunsthauses – begleitet von Elvis’ „Always on My Mind“ – den Tod seines Vaters zu verarbeiten. Die Bilder sind diffus und schwarzweiß, einmal sanft, dann wieder erschreckend, genauso wie die zunehmend verdämmernde, sich ewig im Loop drehende Erinnerung.

In der Arbeit „Hisser“ wiederum wird der Ausstellungsbesucher zum Voyeur. Auf vier hintereinander angeordneten, immer größer werdenden Bildschirmen landet man in einem Schlafzimmer. Der Wind bläst durch das offene Fenster, das Licht brennt, auf dem Tisch steht eine Vase mit Blumen, das Bett ist leer. Was sich im Lauf einer langen Nacht ändert, in der ein junger Mann immer tiefer in einen emotionalen Ausnahmezustand aus Einsamkeit und Verwirrung stürzt und dabei unentwegt „Sorry“ flüstert, bevor seine kleine Welt implodiert und ihn verschluckt.

Der erste Stock des Kunsthauses ist vollgestellt mit zwei riesigen Regalen, in denen Kostüme aus dem Fundus des Vorarlberger Landestheater und der Bregenzer Festspiel­e hängen. Zu lesen als eine Spielart, um mit den Mitteln des Analogen virtuelle Welten zu erzeugen. Wie altbacken das im Gegensatz zu den Möglichkeiten von heute ausschaut, führt Ed Atkins in seiner neunteiligen, mit sehr viel Pathos inszenierten Videoinstallation „Old Food“ vor.

Als beklemmende Allegorie auf das Leben, den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Geweint wird hier viel, vom Baby genauso wie vom alten Mann. In einer anderen Sequenz rennt ein zunehmend atemlos werdender Bub in einem paradiesischen Garten, in dem seltsamerweise ein Klavier steht, ewig im Kreis. Im menschenleeren Blockhaus daneben brennen Kerzen und im Fernseher läuft ein alter Frankensteinfilm. Ein „Happy End“ schaut anders aus.




Kommentieren


Schlagworte