Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.02.2019


Kunst

Kreuzworträtsel für politisch Beschlagene

„Wege zur Knechtschaft neu geteert“ nennt Maryam Jafri ihre Ausstellung in der Kunsthalle Tirol im Innsbrucker Taxispalais.

Still aus Maryam Jafris speziell für ihre Innsbrucker Personale entstandenem Video „Mariam Jafri vs. Maryam Jafri“

© KresserStill aus Maryam Jafris speziell für ihre Innsbrucker Personale entstandenem Video „Mariam Jafri vs. Maryam Jafri“



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Unzählige kleine mit Babykost, Zigarettenschachteln, Pepsi-Flaschen oder Zeitschriftencovers bestückte gläserne Vitrinen hängen an den Wänden oder stehen auf hölzernen Sockeln, an einer Wand lehnen drei Säcke mit Katzenfutter. Was Maryam Jafri, die aus Pakistan stammende, in Kopenhagen und New York lebende Künstlerin, mit dieser Installation meint, versteht der Ausstellungsbesucher allerdings erst nach dem Lesen der gerahmten Wandtexte. Um zu erfahren, dass es sich hier um US-amerikanische Konsumgüter handelt, die aus den unterschiedlichsten Gründen nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen wurden. Etwa ein Produkt namens „Ayds“, das beim Abnehmen helfen sollte und dem nicht nur wegen Speed als zweifelhaftem Wirkstoff kein langes Leben beschieden war. Genauso wie einem Babyfläschchen mit dem Aufdruck Pepsi oder einer Zigarettenmarke namens FACT, deren Logo von einem investigativem Magazin geklaut war.

Die international umtriebige Maryam Jafri, die im Taxispalais ihre Österreichpremiere feiert, ist eine zutiefst politisch bewegte Künstlerin. Um sich mit den seit der Wahl Trumps so oft bemühten „alternative facts“ genauso auseinanderzusetzen wie mit künstlerischen Produktionsbedingungen oder kolonialen Vergangenheiten. Letzteres in ihrer aus unzähligen kleinen Schwarzweiß-Fotos gepuzzelten Arbeit „Independence Day“. Die vorführt, wie verblüffend ähnlich ehemalige Kolonialstaaten und ihre alten Kolonialherren ihre Unabhängigkeitstage feiern. Die Muster sind praktisch ident, es wird da wie dort viel im Takt marschiert und in die Luft geschossen, bei Banketten gepflegt parliert. Allein die Trachten einiger der Akteure lassen erahnen, dass man sich hier im Nahen Osten oder in Afrika feiert.

Unschlagbar makaber kommt Jafris Installation „American Buddhist“ daher. Zelebriert als Altar, auf dem Kuscheltiere vom Hasen bis zum Buddha geopfert werden. Das „Altarbild“ ist ein Video, das die Künstlerin auf der Website der US-Armee gefunden hat und eine Yogastunde in einem US-Militärcamp im Irak dokumentiert. Eindeutig mit dem Ziel, mithilfe von Meditationstechniken besser schießen zu können.

Um Fragen von Copyright im Zusammenhang mit künstlerischer Arbeit geht es in dem Video „Mariam Jafri vs. Maryam Jafri“. Entstanden aus persönlicher Betroffenheit der Künstlerin anlässlich ihres Auftritts bei der Londoner „Frieze“ 2017. Den Kontrast zwischen den Produktionsbedingungen von SM-Artikeln und dem Spaß, den die Nutzer mit diesen haben, führen drei weitere Videos vor. Eine Herausforderung dürfte die Schau letztlich aber für passionierte Kreuzworträtsel-Löser sein. Bedingung: fundiertes Wissen über neoliberales Wirtschaften bzw. amerikanische Wege zur Knechtschaft. Ein Handout mit den Lösungen gibt es beim Empfang des Taxispalais.




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