Letztes Update am Mi, 03.04.2019 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Nicolaus Schafhausen: „Es konnte nicht wieder ein Mann sein“

Anlässlich der noch bis Ende der Woche laufenden Ferdinandeumsschau sprach Nicolaus Schafhausen mit Künstlern über NS-Kunst. Der Museumschef über Erinnerungskultur und seine Nachfolge in der Kunsthalle Wien.

Nicolaus Schafhausen wechselt von der Kunsthalle Wien ins NS-Dokumentationszentrum München.

© HauswirthNicolaus Schafhausen wechselt von der Kunsthalle Wien ins NS-Dokumentationszentrum München.



Sie fragten kürzlich bei einer Diskussion im Innsbrucker Ferdinandeum, ob die NS-Kunst eigentlich Teil der Moderne ist. Sind Sie zu einem Schluss gekommen?

Nicolaus Schafhausen: Nein. Ich weiß aber, dass man in Österreich hier zu einem anderen Schluss kommt als in Deutschland. Meine Sozialisation in den 1970/80ern, also eine westdeutsche, Westberliner, hat die Jahre 1933 bis 1945 nie als Zeitgenossenschaft gesehen. Trotzdem gibt es ja auch Künstler, die über diese Zeit hinaus gearbeitet haben. Es ist wichtig, diesen Zeitraum zu kontextualisieren und aus heutiger Sicht neu zu bewerten – auch im Hinblick darauf, was Geschichte mit einem selbst heute zu tun hat. Es fehlt ja auch weitgehend der Einblick, welche Künstler etwa nach dieser Zeit weitergearbeitet haben, wer in den Krieg musste, wer mit Berufsverbot belegt wurde, wer kollaborierte und so weiter. Diese Zeit ist immer noch aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen.

Zur Person

Nicolaus Schafhausen, seit 2012 Direktor der Kunsthalle Wien. 2018 gab er seinen vorzeitigen Abgang bekannt. Er sah die „Wirkungsmächtigkeit von Kunst“ durch die Politik eingeschränkt. Abgelöst wird er vom Kollektiv WHW. Ausstellung: „Zwischen Ideologie, Anpassung und Verfolgung. Kunst und Nationalsozialismus in Tirol“ ist noch bis 7. April im Ferdinandeum in Innsbruck zu sehen.

Eine Ausstellung wie jetzt hier in Tirol muss also gemacht werden.

Schafhausen: Ich finde grundsätzlich den Ansatz der Schau richtig. In einem historischen Kontext braucht es – auch mit zeitlichem Abstand – diese Aufarbeitung. Gerade in den aktuellen Zeiten des Reaktivismus, Revisionismus und Populismus. Die Gegenüberstellung von zeitgenössischer Kunst und historischem Material ist mir hier in Innsbruck sogar fast zu kurz gekommen. Das soll aber keine Kritik an der Ausstellung sein, das war vermutlich auch nicht der Anlass der Schau.

Ihre neue Beschäftigung am NS-Dokumentationszentrum in München beschäftigt sich mit einer ähnlichen Thematik.

Schafhausen: Ja, aber in einem anderen Kontext. Das Dokumentationszentrum ist ein Ort des Lernens. Kein Mahnmal, kein Archiv, kein Museum. Es gibt dort eine permanente Ausstellung und parallel wird das Projekt, das ich betreue, in den Ort eingeflochten. Direktorin Mirjam Zadoff hat mich beauftragt, keine Ausstellung, aber ein offenes Format mit dem Team vor Ort zu realisieren. Wir suchen gerade noch ein richtiges Wort dafür; derzeit verwenden wir „Assembly“ als Begriff. Veranstaltungen, diskursive Formate, Filmvorführungen und Performances sind geplant. Das Ganze verhandelt nicht nur Kunst, sondern auch die Sprache, und soll den akademischen Diskurs wie auch den Kunstdiskurs aus ihrer jeweils eigenen Abgeschlossenheit herausschälen. Bestehende Arbeiten werden integriert, ebenso wie Künstler beauftragt werden, neue Arbeiten zu produzieren. Nicht nur der Zeitraum 33–45 spielt eine Rolle, die Zeit schreibt sich ja fort: Was ist Rassismus heute? Was bedeutet Ausgrenzung heute? Warum werden die Mythen der zugewanderten MigrantInnen der vergangenen Jahrzehnte nicht Teil einer, wenn Sie so wollen, zeitgenössischen und realistischen, nationalen Identität? Das sind auch unsere zentralen Fragen. In diesem Sinne ist es ein produktives Experiment. Über die Gegenwart gilt es in die Vergangenheit zu schauen. Und zugleich in die Zukunft zu verweisen.

Sie sprachen hier in Innsbruck davon, dass sich die Rollen von Institutionen im Umbruch befinden. Ist das Museum nicht mehr der Ort, wo die spannenden Fragen gestellt werden?

Schafhausen: Es gibt meiner Meinung nach viele Orte, wo spannende Projekte realisiert werden. Ich bin der festen Überzeugung, dass das, was wir zurzeit als Museum verwenden, aus seiner eigentlichen Kernaufgabe herausbrechen und sich öffnen muss. Ich finde es schade, dass man immer nur über große Häuser und ihre vielen Besucher spricht. Völlig unter dem Radar laufen etwa Heimatmuseen; sehr spannend etwa auch, was in den ethnologischen Museen passiert – in Deutschland noch mal ein sehr viel größeres Thema. Nehmen wir den Kolonialismus in europäischen Dimension als Beispiel. Hier passiert gerade wirklich viel. Kontextualisierung ist wie so oft der Knackpunkt.

Ist Europa heute bereit, den Kolonialismus im Sinne von konkreten Rückgaben zu verarbeiten? In Frankreich und Deutschland gibt es ja Gesprächsbereitschaft.

Schafhausen: In unserer global vernetzten Welt betreffen Krisen und Risiken nicht mehr nur einzelne Nationalstaaten. Wenn man sich anschaut, wie neue rechtsnationalistische Parteien und Bewegungen auf internationale Verbindungen und Zusammenschlüsse setzen, um unsere Vergangenheit zu relativieren, dann muss diesem Unsinn eine massive gesellschaftliche Debatte entgegengesetzt werden, die auch den europäischen Umgang mit der Zeit des Kolonialismus ins Zentrum stellt. Unsere Zukunft der Demokratie und die Prinzipien der Freiheit werden von diesen alle Menschen betreffenden Diskussionen abhängig sein.

Auch das Projekt „Humboldt Forum“ in Berlin hat sich die Aufarbeitung der Kolonialzeit zur Aufgabe gemacht.

Schafhausen: Beim „Humboldt Forum“ konnte ich mir noch kein abschließendes Urteil bilden, weil es ja erst eröffnet wird. Und lassen wir jetzt mal die Diskussion um den Wiederaufbau des Stadtschlosses außen vor. Man darf nicht vergessen, dass inzwischen eine lange Zeit vergangen ist, in der auch die Möglichkeit fehlte, mit den Exponaten zu arbeiten. So ein Zentrum passt in die Zeit, es ist noch fraglich, was damit passiert.

Passen Großausstellungen wie die Biennale in Venedig, die im Mai eröffnet, noch in die Zeit?

Schafhausen: Ich finde nicht, dass sich Biennalen überlebt haben. Aber manche kommen nicht in der Gegenwart an, obwohl sie Gegenwartskunst zeigen. Biennalen machen auch immer noch Sinn, weil sie als Festivals gerade in einem regionalen Umfeld viele Menschen für die zeitgenössische Kunst anlocken. Natürlich muss man sich aber auch hier über die Formate Gedanken machen – wie wir damit umgehen und welches Entwicklungspotenzial es gibt. Im Grunde arbeiten wir in unserem westeuropäischen Kulturkreis ja mit den immer gleichen Formaten – nur die Leitung, sprich der Direktorenposten wird immer wieder gewechselt. Gerade im Hinblick auf Digitalisierung und Künstliche Intelligenz frage ich mich aber schon, ob es nicht auch neue Orte der Auseinandersetzung oder des Versammelns braucht. So eine Institution wie das Haus der Kulturen der Welt in Berlin gibt hier schon mal neue, wichtige Inputs.

Können Kollektive wie jene, die für die documenta oder Ihren ehemaligen Arbeitsplatz in Wien bestellt wurden, das System aufbrechen?

Schafhausen: Das kann man jetzt noch nicht sagen. Es ist zu früh, um darüber zu urteilen. Das Kollektiv ist in diesem Sinne keine neue Erfindung: Die Museumsleitung steht zwar in der Wahrnehmung alleine an der Spitze, die Führung eines Hauses ist jedoch immer Teamarbeit. Dass sowohl bei der documenta als auch in der Kunsthalle Wien nicht noch mal ein Mann an die Spitze gesetzt werden konnte, ist eine kulturpolitische Entscheidung. Vor sieben Jahren wäre ein Kollektiv an der Spitze der Kunsthalle Wien noch nicht denkbar gewesen. Die Kollektive, die in Kassel und in Wien eingesetzt wurden, haben sich auch nicht neu formiert, sondern arbeiten schon lange in ihren jeweiligen lokalen Zusammenhängen zusammen. Ich bin selber gespannt, wie es funktioniert, und hoffe, dass sich die Kollektive nicht instrumentalisieren lassen, nicht von der Politik, ihren Auftraggebern, potenziellen Sponsoren aus dem Finanzsektor, und auch eine kritische Haltung gegenüber Medien bewahren.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner




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