Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.04.2019


Dokumentarfilm

“Floating Piers“: Noch einmal über die Wellen wandeln

Mit „Christo – Walking On Water“ macht Andrey Paounov Christos Megaprojekt von 2016 neu und aus einer anderen Perspektive erlebbar.

Brückenschlag: Die Insel San Paolo mitten im Iseosee wurde mit 220.000 schwimmenden Würfeln mit dem Festland verbunden.

© ThimfilmBrückenschlag: Die Insel San Paolo mitten im Iseosee wurde mit 220.000 schwimmenden Würfeln mit dem Festland verbunden.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Einmal Menschen übers Wasser gehen lassen. Das war der Wunsch von Christo und Jeanne-Claud­e. Und zwar schon 1970, als sie zum ersten Mal „Floating Piers“ planten, eine Installation mit auf Würfeln schwimmenden Stoffbahnen, ausgerichtet auf das Delta des Rio de la Plata in Argentinien. Genehmigung bekamen sie kein­e. Auch ein ähnliches Projekt in Japan durfte nicht realisiert werden. 2009 starb Christos Ehefrau Jeanne-Claude. Das Projekt landete als „unvollendet“ in der Schublade.

Die Idee verfolgte den bulgarischen Künstler – der dritt­e Anlauf am norditalienischen Lago d’Iseo stieß auf das lang ersehnte Interesse. Eine mehrmonatige Vorbereitungszeit beginnt. Und hier setzt nun auch der Dokumentarfilm von Andrey Paounov „Christ­o – Walking On Water“ an, der spannende Einblicke hinter die Kulissen des Mega­projekts liefert.

Zu Anfang trifft man den Künstler im Atelier; mit seinen Megaprojekten, etwa der Verhüllung des Deutschen Reichstags 1995, avancierte er zum Star. Umso interessanter, dass Paounovs Film ein neue­s Licht auf den Heilsbringer wirft. Der vermeintlich auf religiöse Vorbilder anspielende Filmtitel darf ironisch gesehen werden. Bereits in den ersten Minuten lernt der Zuschaue­r Vladimir kennen, Christos Assistenten und Neffen, der zuweilen streitlustig im Hintergrund die Fäden zieht. Er ist es, der mit Behörden verhandelt, Sammlern Kunstwerk­e feilbietet oder lautstark mit Christo über Details der Ausführung streitet.

So ist der Zuschauer bei der Montage der 220.000 Kuben und der drei Kilometer Stoff dabei, die für die Installatio­n gebraucht werden. Ebenso wie beim Verkauf der 40 Kunstwerk­e Christos, die das 20-Millionen-Euro-Projekt finanzieren sollen. Dass es bei „The Floating Piers“ aber nicht nur um das harte Geschäft, u. a. Gespräche fürs Verkehrskonzept, geht, sondern auch um sinnliche Anreize, bringt Paounov überzeugend herüber; etwa als die riesigen Bahnen des dahliengelben Stoffs beim Ausbreiten im Wind wehen.

Wellenförmig verläuft auch die Spannungslinie des Films: von Unstimmigkeiten bei der Materialwahl hin zu ersten gelungenen Schritten beim Aufbau, von massiven Problemen mit dem Wetter hin zur schlussendlich erfolgreichen Eröffnung. So erfolgreich, dass das Projekt fast vorzeitig gekippt wäre: Schon am ersten Tag sprengte das Interesse jegliche Erwartungen; man fürchtete, die Menschenmassen könnten die schwimmenden Wege einreißen. Erst nachdem Christo mit einem Abbruch droht, beschränkten die Behörden die Anzahl der anreisenden Besucher.

Den Höhepunkt hebt sich der Regisseur mit der Enthüllung des Projekts von oben auf den Schluss auf. Übrigens auch für Christo das erste Mal, der sich am letzten Tag dafür in den Helikopter setzt. Stets respektvoll geht der Film mit dem 83-Jährigen um, der in „Walking On Water“ aber Praktiker und nicht nur Theoretiker ist. Auch wenn er stets propagierte, dass kein Projekt zweimal gemacht werden darf – der Film ist für all jene interessant, die 2016 selbst schon die Wellen des Lago d’Iseo unter ihren Füßen spürten; aber auch für jene, die das Spektakel nicht live erlebt haben und es angesichts dieser Bilder wohl (noch einmal) bereuen werden.

Von 18. Juni bis 3. Juli 2016 war „The Floating Piers“ von Christo für die Besucher zugänglich. Über eine Mio. liefen über die schwimmenden Stege.
Von 18. Juni bis 3. Juli 2016 war „The Floating Piers“ von Christo für die Besucher zugänglich. Über eine Mio. liefen über die schwimmenden Stege.
- Thimfilm