Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 16.04.2019


Innsbruck-Land

Zeitgeschichte, von oben aus betrachtet

Mit Luftbildern aus den Jahren 1945 und 1953 zeigt das Gemeindemuseum Absam, wie sehr Krieg und NS-Regime auch den Raum beherrscht und geprägt haben.

Das letzte Luftbild der US Air Force vom Raum Innsbruck/Hall (28. April 1945) wurde für die Schau über drei Meter breit ausgedruckt.

© BreitDas letzte Luftbild der US Air Force vom Raum Innsbruck/Hall (28. April 1945) wurde für die Schau über drei Meter breit ausgedruckt.



Absam – Ungewöhnliche Einblicke in die regionale Zeitgeschichte erlaubt derzeit das Gemeindemuseum Absam – nämlich solche aus der Vogelperspektive: Eine neue Ausstellung zeigt zum einen das letzte Luftbild der US Air Force vom Raum Innsbruck/Hall, aufgenommen am 28. April 1945. Diesem wird eine zweite Luftaufnahme gegenübergestellt, die das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen am 3. Mai 1953 von Hall und Absam angefertigt hat.

Der Blick von oben im Abstand von acht Jahren mache Geschichte auch als „Entwicklung, Beherrschung und Ordnung des Raumes“ begreifbar, erklärt Museumsleiter Matthias Breit die Idee. So zeige das Bild aus dem Jahr 1945 – mit dem die Alliierten u. a. die Treffergenauigkeit im Bombenkrieg dokumentierten – auch, „wie hochverdichtet sich das NS-System gegen Kriegsende im Raum darstellte“.

Auf dem Bild, das für die Schau im Format 310 x 170 cm ausgedruckt wurde, ist die Kaserne in Eichat ebenso zu sehen wie ausgedehnte Militärlager in Rum und Hall oder das „Arbeitserziehungslager“ Innsbruck-Reichenau.

Sehr gut zu erkennen ist auch jene „Umfahrungsbahn“, die 1944 von Hall durch die Innauen von Thaur und Rum und von dort über eine eigene Innbrücke zur Amraser Au und weiter über die Sill zum Bergiseltunnel gebaut wurde. Wie der Historiker Thomas Albrich schreibt, wurde diese Linie verwendet, „wann immer der Innsbrucker Bahnhof oder die Gleisanlagen zwischen Innsbruck und Hall getroffen und unterbrochen“ wurden. Das Luftbild zeigt auch den ehemaligen Güter- bzw. Verschiebebahnhof Thaur – oder etwa jenes Areal in der Rossau, wo, vor allem von Kriegsgefangenen, Blindgänger entschärft wurden.

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1953 wird demgegenüber bereits die zivile Nutzung der ehemaligen militärischen Anlagen sichtbar – so etwa in Absam-Eichat, wo die früheren Kasernengebäude als Wohnbaracken genützt wurden. Auch sonst zeigen sich viele Veränderungen: Historische Gebäude wie das Sudhaus in der Au in Hall waren beispielsweise schon abgerissen.

Geöffnet hat die spannende Schau noch bis 23. April – von heute bis Freitag jeweils von 18 bis 20 Uhr, von Ostersamstag bis Dienstag von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Am heutigen Dienstag um 20 Uhr wartet im Gemeindemuseum zudem ein Gespräch mit dem Historiker Peter Pirker: Ausgehend vom riesigen Luftbild, berichtet er über die zunehmende Bedeutung der Brennerlinie und des Raums Innsbruck-Hall gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. (md)