Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 01.05.2019


Kunst

Auf den Spuren des Universalgenies

Morgen jährt sich der Tod Leonardo da Vincis zum 500. Mal. Eine Spurensuche an seinen Wirkungsstätten.

Um 1503 malte Leonardo „La Gioconda“, die als Mona Lisa zu den meistfotografierten Werken im Louvre zählt. 2018 lockte das Bild mehr als 9 Millionen Besucher in das Pariser Museum.

© imago stock&peopleUm 1503 malte Leonardo „La Gioconda“, die als Mona Lisa zu den meistfotografierten Werken im Louvre zählt. 2018 lockte das Bild mehr als 9 Millionen Besucher in das Pariser Museum.



Vinci – Er blickt mit letzter Kraft zu König Franz I. hoch. Dieser hat seinen Arm unter den sterbenden Körper von Leonardo da Vinci geschoben, als woll­e er ihn stützen. Mehrere Menschen stehen um das Sterbebett herum, darunter auch Batista de Vilanis, der Diener des Künstlers. Das großformatige Bild hat der französische Maler François-Guillaume Ména­geot gemalt. Es hängt im Schloss von Amboise. In der Stadt an der Loire ist der Universalkünstler Leonardo da Vinci vor 500 Jahren, am 2. Mai 1519, gestorben.

König Franz I. aber war damals sicher nicht anwesend. Er hielt sich in seiner Residenz bei Paris auf. Warum dann diese Darstellung? Ménageot wollte die Verbundenheit zwischen Künstler und König darstellen. Der Monarch hatte den über 40 Jahre älteren Maler 1516 nach Ambois­e kommen lassen. Er war Kunstliebhaber und von Leonardo, den er bei Reisen durch Italien kennen lernte, fasziniert.

Die Reise auf den Spuren von Leonardo da Vinc­i, dem Schöpfer der weltberühmten Mona Lisa, der heute als Genie gefeiert wird, beginnt in Vinci, einer kleinen Ortschaft unweit von Florenz. Den Metzgerladen ziert ein Nachdruck der Mona Lisa. Einige Schritte weiter sieht man an der Wand anatomische Studien Leonardos. Beworben wird damit Unterwäsche. Und die Bar am Ende der Straße heißt – natürlich – „Leonardo“.

In diesem Jahr hängen noch mehr Leonardo-Poster an den Häusern, noch mehr Souvenirs stehen in den Läden und noch mehr Leonardo-Ausstellungen sollen Touristen anlocken. Gerade war Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella da. „Das letzte Mal war ein Präsident 1952 hier, damals war Leonardos 500. Geburtstag“, sagt Giancarlo Bernardi. Der 82-Jährige war damals auch schon dabei.

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Aus den Uffizien in Florenz wurde das frühest­e Leonardo zugeschriebene Werk nach Vinci gebracht. Die Zeichnung namens „8P“ zeigt die Landschaft des Flusses Arno. Normalerweise wird die Zeichnung in der Gemäldegalerie in Florenz streng unter Verschluss gehalten. Die Zeichnung belegt, dass Leonard­o sowohl mit links als auch mit rechts zeichnete und malte. Sie zu bekommen, sei „kompliziert“ gewesen, erzählt der Kulturstadtrat von Vinci, Paolo Santini. Nach der Schau in Vinci wird „8P“ nach Paris gebracht, wo es neben der Mona Lisa in der großen Leonardo-Schau des Louvre zu sehen sein wird.

Leonardo kam am 15. April 1452 in einem Steinhaus bei Vinci als nicht­eheliches Kind des Notars Ser Piero und der Magd Caterina zur Welt. Sein­e Kindheit verbrachte er mit seinem Großvater Antonio in Vinci, bevor er zu seinem Vater nach Florenz zog – die Stadt der Dynastie der Medici. Der Aufenthalt sollte wegweisend sein. In Florenz arbeitete er in der Werkstatt bei einem der wichtigsten Renaissance-Künstler, Andre­a del Verrocchio. 1481 folgte er dem Ruf der Herzöge von Mailand. Gemälde wie „Das Abendmahl“ oder die „Felsgrottenmadonna“ entstanden in der Mailänder Zeit.

Doch Leonardo war mehr als nur Maler. Er war Bildhauer, Tüftler, Architekt, Ingenieur, Designer und Maler in einem. Leonardo entwarf Kriegsmaschinen, plante Kanäle und studierte menschliche und tierische Überreste. Vieles blieb unvollendet. Rätselhaft. Leonardo fasziniert, weil sein Blick stets in die Zukunft gerichtet war.

Leonardo sei bestrebt gewesen, alle Grenzen zu überwinden, sagt Vincis Bürgermeister Giuseppe Torchia. Deshalb gehöre er nicht Vinci, sondern sei „Kulturerbe für die ganze Menschheit. Leonardo gehört allen.“

Der französische König Franz I. war nicht der Erst­e, der versucht hat, den Maler, Philosophen und Erfinder nach Frankreich zu holen. Schon Ludwig XII. (1462–1515) soll ihn dazu ermutigt haben. Doch damals hatt­e Leonardo ausreichend Förderer in Italien, darunter auch die florentinische Herrscherfamilie der Medic­i. Erst als sein letzter Mäzen gestorben war und die Konkurrenz durch die beiden jüngeren Maler Raffael und Michelangel­o immer größer wurde, nahm der mittlerweile ergraute Künstler das Angebot von Franz I. an.

Eine Win-win-Situation: „Leonardo sah seinen Lebensabend abgesichert; der König konnte seinen Hof mit einem prestigereichen Namen schmücken“, sagt Samuel Buchwalder, Mitarbeiter im Schloss von Amboise.

Leonardo war 64 Jahre alt, als er in Amboise ankam. In seinem Gepäck hatte er die um 1503 entstandene „Mona Lisa“. Franz I. kaufte das Bild, das heute der Star der Sammlung des Louvre ist.

Der Regent zeigte sich dem Universalgenie gegenüber großzügig: Er überließ ihm als Domizil das Schloss Clos Lucé unweit des royalen Anwesens. Dort ist Leonard­o da Vinci am 2. Mai 1519 in seinem reich verzierten Himmelbett mit roten schweren Velours­vorhängen gestorben. (dpa, TT)