Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 10.05.2019


Biennale

312 Rosen in Venedig: Schöne Waffen für Instagram

Renate Bertlmann ist die erste Künstlerin mit einer Soloshow im österreichischen Pavillon der Biennale in Venedig. Es wird nachgeholt, der Pavillon hat aber noch nicht aufgeholt.

Im Pavillon werden frühe Arbeiten von Renate Bertlmann ausgestellt.

© Sophie ThunIm Pavillon werden frühe Arbeiten von Renate Bertlmann ausgestellt.



Aus Venedig berichtet Barbara Unterthurner

Der österreichische Pavillon wird heuer durch Instagram sausen und hundertfach geteilt werden. Weil er Aufmerksamkeit erregt und schön ist. 312 Rosen aus traditionellem Muranoglas hat die Wiener Künstlerin Renate Bertlmann im Hinterhof der Hoffmann’schen Architektur eingepflanzt, die schon durch den offenen Eingang des Gebäudes in Rot nach außen blitzen. Eine Installation, die ins Auge sticht. Bestechend ist die Installation aber erst auf den zweiten Blick: Scharfe Messer ragen aus den fein geformten Blüten hervor; das romantische Symbol wird scharfe Waffe. Kein wilder Garten, sondern exakt gesetzte, blumige Soldaten reihen sich hier aneinander.

Mit „Amo ergo sum“ (Ich liebe, also bin ich) empfängt Renate Bertlmann die Besucher im österreichischen Pavillon in den Giardini der Biennale.
Mit „Amo ergo sum“ (Ich liebe, also bin ich) empfängt Renate Bertlmann die Besucher im österreichischen Pavillon in den Giardini der Biennale.

Dieser zweite Blick ist bei Bertlmann zentral. Seit den Siebzigern arbeitet sie sich an den für sie klassisch gewordenen Themen ab. Rollenbilder werden dekonstruiert und neu zusammengesetzt. Im Gegensatz zu vielen ihrer männlichen Studienkollegen entschied sich Bertlmann früh für den Griff zu (damals) noch unklassischen Medien, die künstlerisch inszenierte Fotografie genauso wie die Performance. Bertlmann schreibt sich damit ein in eine Tradition der feministischen Avantgarde. Als Speerspitze fungiert Valie Export, manchmal in dieser Riege vergessen ist Birgit Jürgenssen. Selbst der Geist der großen Maria Lassnig spukt in Renate Bertlmanns Arbeiten; nicht aufgrund inhaltlicher Ähnlichkeit, sondern von der Einstellung her.

Denn was die Künstlerinnen eint, ist die Kompromisslosigkeit in ihrem Oeuvre. Bertlmann realisiert auch jetzt eine Installation, die den Pavillon zu einem der wenigen absolut starken des Festivalgeländes macht. Einer, der geradezu wehrhaft daherkommt. „Discordo ergo sum“ (Ich widerspreche, also bin ich) wird zum kämpferischen Leitmotiv. Die Messer, die schon in Bertlmanns berühmten „Messerschnullerhänden“ (mit kleinen Messern präparierte Schnuller) verwendet wurden, werden zum gefährlichen, bildlichen Motiv. „Discordo ergo sum“ hat nicht nur eine Seite: Neben Zorn gibt es auch Zärtlichkeit, neben Stärke das Sanfte. Ausgedrückt wird der Gegensatz durch die filigrane Signatur, die auf der Fassade prangt. Der Schriftzug „Amo ergo sum“ (Ich liebe, also bin ich) empfängt den Zuschauer von Weitem. Auch die Ausstellungsarchitektur korrespondiert. Vlay/Streeruwitz entwarfen einen Raum im Raum, der den Pavillon nicht berührt, ein neutrales Umfeld für die überraschend radikalen Arbeiten Bertlmanns.

Aber: Die Performances, Objekte werden über Skizzen und Bilder erzählt. Bewegtbild genauso wie Farbe wurde bewusst ausgespart. Das rückt die Arbeiten aus den 70ern und 80ern in eine Art Zeitlosigkeit. Sie verlieren aber auch an zeitgenössischer Brisanz.

Ihre Installation aus messerscharfen Rosen füllt den Hinterhof.
Ihre Installation aus messerscharfen Rosen füllt den Hinterhof.
- Sophie Thun

Erst 2017 erhielt Bertlmann den Großen Österreichischen Staatspreis und wurde zur Kandidatin für den Österreich-Pavillon – späte Anerkennung eint die Künstlerinnen. Dass sie den Pavillon nun als erste Solokünstlerin gestaltet, ist das eigentliche Highlight.

Einen „mutigen Schritt“ nennt Kulturminister Gernot Blümel die Installation vor der Presse. Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein widerspricht: „Das war nicht mutig. Das war höchst notwendig.“

Der österreichische Pavillon will nachholen. Thun-Hohenstein musste deshalb zurückblicken. Aufgeholt hat der Pavillon, wenn die künstlerische Gegenwart im Pavillon angekommen ist. Bertlmann hofft, ihre Präsenz wird Initialzündung für eine gendergerechtere Bespielung. Stark ist der Pavillon und schön. Nur weil man instagramtauglich ist, ist man aber noch lange nicht jung und frech.