Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 15.05.2019


Innsbruck-Land

„Die Vertriebenen“: Kopfüber in Richtung Integration

Mit der Arbeit „Die Vertriebenen“ erinnert Franz Wassermann in Telfs an die Zeit der Option in Südtirol. Und übersetzt das Thema in die Gegenwart.

Kümmert sich die Gemeinschaft um die Skulptur, wird sie weiterwachsen. Für Franz Wassermann ist der Baum lebendes Denkmal.

© WassermannKümmert sich die Gemeinschaft um die Skulptur, wird sie weiterwachsen. Für Franz Wassermann ist der Baum lebendes Denkmal.



Telfs – Ein Baum wird gepflanzt. An sich kein künstlerischer Akt – würde ihn Künstler Franz Wassermann nicht zu einem machen. Mit der Kunst-am-Bau-Arbeit „Die Vertriebenen“, die Wassermann für die Neue Heimat Tirol (NHT) realisierte, passierte genau das. Ein Baum, genauer eine Weide, die in der geschichtsträchtigen Hainburger Au gefällt hätte werden sollen, ließ der Künstler in die Südtiroler-Siedlung nach Telfs bringen – um sie hier, allerdings kopfüber, wieder einzupflanzen.

Wassermann hatte mit diesem Projekt den geladenen NHT-Wettbewerb gewonnen. Und realisierte nun eine Skulptur, die thematisch die Geschichte der Südtiroler-Siedlung verarbeitet: Bebaut wurde das Gelände Anfang der Vierziger, etliche Südtiroler Familien hatten für die Auswanderung aus der Heimat optiert.

Für den Tiroler Künstler ist die „lebende Skulptur“ ein ideales Symbol des tragischen Teils der Südtiroler Geschichte. Aber keineswegs nur ein historisches Zeichen: Vertreibung als Gewaltakt wirkt bis ins Heute. Die Arbeit steht somit auch für gegenwärtige Migrationsbewegungen.

Und „Die Vertriebenen“ steht zugleich auch für Hoffnung. Die Weide wird, sofern sich die Bewohner der Siedlung gut um sie kümmern, kopfüber festwachsen. Zarte Triebe zeugen bereits davon, dass aus der Baumkrone Wurzeln wachsen. Die Verantwortung, dass ein „Festwachsen“ gelingt, liege auch in der Gesellschaft. So funktioniere schließlich Integration, erklärt der Künstler.

Auch im Rahmen der Telfer Volksschauspiele im Juli wird Wassermann ein Projekt im Ort realisieren. Bei der Performance „Aufnahme“ wird es um die Begegnung der Telfer Bewohner gehen, die sich heute oftmals fremd sind. Was könnte hier besser gelingen als ein gemeinsames Essen? Zugereiste und Einheimische sollen zueinander finden. Um neue Wurzeln zu schlagen. (bunt)