Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 17.05.2019


Kunst

Nitsch in der Albertina: Farben-Sinn und lichte Sinnlichkeit

Die Albertina ehrt den Gesamtkünstler Hermann Nitsch zum 80er mit einer konzentrierten Werkschau.

Hermann Nitsch: Schüttbild, 1983, Acryl auf Jute.

© Belvedere WienHermann Nitsch: Schüttbild, 1983, Acryl auf Jute.



Wien – Dass ihm, der sich selbst einmal als „Kirchenmaler ohne Kirche“ bezeichnete, der Ort der neuen Schau zu Ehren seines Ende August des Vorjahres begangenen 80. Geburtstags Freude bereitet, ist anzunehmen. Schließlich gelangt man, die Rolltreppe abwärts, ins Albertina-Untergeschoß und damit, empfangen von sphärischen Klängen aus seinem „Harmoniumwerk (1984–1989)“, gleichsam in eine Hermann-Nitsch-Krypta.

Die Ausstellung „Nitsch. Räume aus Farbe“ fokussiert auf den malerischen Vorgang im aktionistischen Schaffen des Künstlers, auf die als Gemälde greifbaren Ergebnisse seines „Orgien Mysterien Theaters“, die sich jedoch aufgrund des performativen Prozesses einer herkömmlichen Einzelbild-Betrachtung bewusst verweigern. In „Schütträumen“ und „Schüttinstallationen“ sollen Werkzyklen sichtbar gemacht werden, so die Kuratorin Elsy Lahner. Die Augen des Publikums können, in Abwandlung eines Nitsch-Zitats, „schmecken“, das „Sein wahrnehmen“ und dabei eine Reise tun. Diese entführt, abseits der auch filmisch präsenten Aktionen und der mit Malhemden versehenen imposanten Aktionsbilder in die über die Jahrzehnte zunehmend prallere Farben-Welt Nitschs. Dabei treten in einem Raum das Schwarz auf weißem Malgrund der „Kreuzwegstationen“ aus dem „Schwarzen Zyklus“ (1991), das Sonnengelb des gegenüberliegenden „Auferstehungszyklus II“ (2002) und das Rot der „Bodenschüttbilder“ (1995) in einen farblich wie inhaltlich brisanten Dialog.

„Rinnbilder“, entstanden zwischen 2005 und 2011, erinnern an eine Art körperhafter Barcode, während die dicken braun-roten Farbschichten der „Ochsenbilder“ auf die Mächtigkeit von Fleisch und Knochen und die Vergänglichkeit alles Lebendigen verweisen. 100 Werke umfasst diese Würdigung des österreichischen Universalkünstlers, die, so Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder, natürlich „nur Fragment“ sein kann – allerdings ein, nicht nur für Nitsch-Kenner, sehr aussagekräftiges. Empfehlung. (lietz)

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