Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 28.05.2019


Tirol

Essenz dessen, was vom Sichtbaren übrig bleibt

Mit dem Preis für zeitgenössische Kunst für Nikolaus Schletterer würdigt das Land Tirol einen konsequenten Spurensucher im Wirklichen.

Eine von Nikolaus Schletterer aus goldfarbenen Rettungsdecken konstruierte fiktive Berglandschaft.

© SchlettererEine von Nikolaus Schletterer aus goldfarbenen Rettungsdecken konstruierte fiktive Berglandschaft.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Mit dem 59-jährigen Nikolaus Schletterer bekommt den diesjährigen Landespreis für zeitgenössische Kunst einer, dessen Medium die Fotografie ist. Allerdings ist der gebürtige Kufsteiner, der bei Peter Prandstetter am Salzburger Mozarteum studiert hat, doch viel mehr als ein Fotograf im üblichen Sinn. Sondern ein Spieler mit Licht, Räumen und Atmosphären, egal, ob Architekturen oder Landschaften sein Thema sind oder er künstlich Generiertes inszeniert. Details spielen bei diesen Bildfindungen eine zentrale Rolle, in denen absolut nichts dem Zufall überlassen bleibt. Egal, ob Schletterer mit seiner Kamera in Mikrokosmen eintaucht, augentäuschend mit Spiegelungen jongliert oder den Blick weit in die Ferne schweifen lässt. Wobei er sich als souveräner Spieler mit Genres wie mit diversen Möglichkeiten der Fotografie erweist. Täuschen doch viele der Bilder, die auf einen ersten Blick sehr real daherkommen, in Wirklichkeit eine am Computer konstruierte Realität vor.

Wobei den klaren Denker in Bildern, der längst über die Landesgrenzen hinaus umtriebig ist und u. a. 2010 bei der Manifesta im spanischen Cartagena mit dabei war, mehr und mehr die digitale Bilderflut fasziniert. Um mit seinen sehr speziellen Mitteln Gesehenes mit Erinnertem zu verlinken, wenn er etwa Bilder von Google Earth zur Basis seiner oft mit brisanten politischen Botschaften aufgeladenen Ornamente stilisiert.

Als Extrakte dessen, was vom Sichtbaren letztlich übrig bleibt. Fertiggedacht vom Betrachter durch das, was jeder Einzelne auf der Festplatte in seinem Gehirn gespeichert hat. Etwa im Kontext mit jenen Rettungsdecken, aus denen Schletterers opulent goldglänzende „Berglandschaften“ gepuzzelt sind. In den vergangenen Jahren unternimmt der Künstler mit großer Lust auch immer wieder Ausflüge ins Dreidimensionale, um etwa aus zerknüllten Zeitungen vieldeutig aufgeladene Objekte zu bauen. Die in der Überlagerung von Bildern weit mehr als ästhetisch perfekt inszenierte formale Experimente sind, sondern schmerzhaft in kollektiven Wunden rühren.

Der vom Land Tirol vergebene – mit 5500 Euro dotierte – Preis für zeitgenössische Kunst wird genauso wie die drei Förderpreise seit 1996 jährlich auf Vorschlag des Beirats für Bildende Kunst und Architektur vergeben. An Künstler, „deren Werk und Haltung ein hohes Maß an Eigensinn und Individualität aufweisen“, um „neue Ansätze und Orientierungen zu finden“, so Tirols Kulturlandesrätin gestern Abend bei der feierlichen Übergabe der Preise. Über die mit je 2250 Euro dotierten Förderpreise können sich heuer der Konzeptkünstler Matthias Krinzinger, die Medienkünstlerin Anna Mitterer und der Comics-Zeichner Patrick Bonato freuen.