Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 01.06.2019


Innsbruck

Ernst Reyer in der Galerie Flora: Das ewige Rätsel Frau

Eine Begegnung mit der Zeichenkunst von Ernst Reyer ist immer ein Fest. In der Innsbrucker Galerie Flora zeigt er Erwartetes und Unerwartetes.

Ernst Reyer: „Frauenkopf mit Pagenschnitt“, 2014.

© galerie floraErnst Reyer: „Frauenkopf mit Pagenschnitt“, 2014.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Der Innsbrucker Zeichner Ernst Reyer präsentiert sich in seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Flora als Janusköpfiger. Als Erfinder skurriler, fast karikierender Überformer der Wirklichkeit sowie als Maler geheimnisvoller Damenköpfe. Die ganz offensichtlich nicht porträthaft gemeint sind, sondern die Frau in ihrer für Männer scheinbar unergründlichen Rätselhaftigkeit stilisieren. Was höchst dekorativ, fast scherenschnittartig daherkommt, ist das Abbildhafte doch reduziert zu einem flächigen, aus Linien und Flächen reduzierten Konstrukt. Was formal vage an altägyptische Mumienporträts erinnert, aber auch daran, wie der Italiener Amedeo Modigliani in den Zehnerjahren des 20. Jahrhunderts seine Frauenbilder angelegt hat.

Die Farbigkeit, derer sich der mit bunten Kreiden „malende“ Zeichner Ernst Reyer bedient, ist höchst delikat. Spielend mit fein abgestimmten Nuancen sowie Strukturen, die das Flächige der Komposition aufbrechen, ins Räumliche erweitern. Wobei der Künstler seine Frauenköpfe den direkten Augenkontakt mit dem Betrachter suchen lässt oder aus lang geschlitzten Augen scharf an diesem vorbeiblicken lässt. Emotionen sind an diesen etwas maskenhaft daherkommenden Gesichtern allerdings kaum ablesbar, um letztlich fast so etwas wie in die Fläche gekippte Skulpturen zu sein.

Aber auch einem Ernst Reyer, wie man ihn seit vielen Jahren kennt, begegnet der Besucher bei Flora. Dem köstlichen Erfinder reizvoll zwittriger Wesen, dem fantasiebegabten Jongleur mit Perspektiven und Verschieber realer Größenverhältnisse. Wenn er etwa Tiere in allzu menschlichen Posen porträtiert, die längst nicht nur an ihren Kleidern festgemacht sind.

Da begegnet man etwa einer Ameise, die auch eine Frau ist, oder Architekturen mit eindeutig tierischen Hinterteilen. Dann wieder gleiten elegante Damen mit strengen Haarschnitten, ohne Spuren zu hinterlassen, über Spiegel oder Schneefelder. Es ist ein köstliches, die Fantasie anregendes Kopfkino, das Ernst Reyer zu erfinden die Gabe hat. Und das in einer Handschrift, die kaum konkret Handschriftliches erkennen lässt, so fein strickt er seine Valeurs. Bisweilen sind die Hintergründe rund um die klar ausgeformten Hauptdarsteller aber auch als feinst gesponnenes Liniengewirr angelegt, nur ganz selten kommen die Blätter diffus verschwommen daher. Das nur noch erahnbare Reale verschluckend, um geheimnisvoll im Sfumato zu verdämmern.