Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.06.2019


Kunst

„Need Love Tonight“: Ballett der Berührungen

Die Neue Galerie stellt Conny Karlsson Lundgren vor. Eine Schau voll von Hingabe.

In „Gestures“ verhandelt Lundgren den Zusammenhang zwischen Körper und Identität.

© LundgrenIn „Gestures“ verhandelt Lundgren den Zusammenhang zwischen Körper und Identität.



Innsbruck – 103 Beats pro Minute können Leben retten. Studienergebnisse zeigen, dass der Discohit „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees im Notfall als Rhythmus für eine Herzmassage herhalten soll. Conny Karlsson Lundgrens Neonarbeit „Need Love Tonight“ blinkt seit der gestrigen Eröffnung in der Neuen Galerie in Innsbruck im Rhythmus von 105 beats per minute – angelehnt an den Discosong „I Need Somebody To Love Tonight“. Der lässt den Zuhörer vielleicht nicht überleben, der Beat ist mehr sanfte Berührung. Gesungen wurde dieser 1979 von Sylvester, der als „Verkörperung von Disco“ bekannt wurde, genauso wie als einer der frühen Aktivisten einer beginnenden Aids-Epidemie. Gesungen hat er damals ebenso von der Sehnsucht nach Berührung und Nähe. Ein Leitmotiv auch für die Schau „Traces, Glimmers, Residues and Specks of Things“.

Übrigens ein Zitat des kubanisch-amerikanischen Theoretikers José Esteban Muñoz, der sich zur Riege von Queer-Aktivisten gesellt und in der Ausstellung des Schweden Lund­gren gleich mehrfach auftaucht. Lundgren positioniert sich mit diesen Referenzen eindeutig in einer Welt, die sich gegen binäre Geschlechterordnung auflehnt. Und damit einen Nerv der Zeit trifft. Das Interessante an Lundgrens Arbeiten: Es geht weniger um konkrete politische Statements, sondern vielmehr um die persönliche Geschichte oder Erinnerung und das sinnliche Miteinander, nach dem sich Menschen jeden Geschlechts verzehren.

Klar wird das in der zentralen Arbeit „The Teenage Runner“, die als Performance gestern zum ersten Mal aufgeführt wurde. Was man dort abseits der Bespielung durch den jugendlichen Performer antrifft, ist ein Raum als reines Setting. Zu sehen: das Foto „Teenage Runners“ von 1976, die Vorlage für Lundgrens Performance, welche zwei junge Männer in schüchterner Betastung zeigt. Entdeckt hat Lundgren das Foto von Arthur Tress in einer Sammlung, mit der er als Künstler arbeiten durfte. Den dazugehörigen Sammler ließ er für sein neues Werk gleich die Geschichte erzählen, wie Tress’ Foto in seine Sammlung kam. Lundgren beweist damit, Sammeln ist durchaus nicht nur reine Investition, sondern im Idealfall innige Hingabe.

Ähnlich wie bei „Gestures“, einer Videoarbeit als Exzerpt einer Performance, einem Ballett aus Gesten. Lundgren erörtert darin tänzerisch, wie Körper und Verhaltensweisen Identität preisgeben. Intimer wird es nur noch im letzten Raum, das einen Ort heimlicher Begegnung in japanischen Parks vorstellt. Sehnsucht nach Berührung ist auch hier die treibende Kraft. Nicht nur körperlich, sondern auch fürs Herz. (bunt)