Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 13.06.2019


Kunst

Bilder(-un-)kultur in Schwarz-Weiß

Schloss Tirol untersucht Systemkunst in Südtirol – beeinflusst von Nationalsozialismus und Faschismus.

Auf der Bozner Syndikatsausstellung 1938: Dem Besuch des Duce schließen sich Südtiroler Künstler wie Franz Lenhart, Hans Piffrader oder Mili Schmalzl an.

© Südtiroler Künstlerbund, BozenAuf der Bozner Syndikatsausstellung 1938: Dem Besuch des Duce schließen sich Südtiroler Künstler wie Franz Lenhart, Hans Piffrader oder Mili Schmalzl an.



Von Barbara Unterthurner

Wien – „Könnte man Nazikunst als Teil der Moderne bezeichnen?“, fragte Museumschef Nicolaus Schafhausen als Moderator in einer Diskussion anlässlich der im April zu Ende gegangenen Überblicksschau „Zwischen Ideologie, Anpassung und Verfolgung“ im Innsbrucker Ferdinandeum. Eine Frage, über die es sich nachzudenken lohnt.

Dass das Hinterfragen des Kanons wieder im zeitgenössischen Ausstellungsmachen angekommen ist, zeigt nicht zuletzt die Ausstellung zu Emil Nolde im Hamburger Bahnhof, bei der die Vita des vermeintlich bekanntesten entarteten deutschen Künstlers in ein neues Licht gerückt wird. Nachdem sich das Ferdinandeum und so die Tiroler Kunst der eigenen Vergangenheit stellte, zeigt aktuell auch Schloss Tirol bei Meran eine Schau nach diesem Vorbild.

Und geht inhaltlich noch weiter: In „Mythen der Diktaturen“ untersuchen die Kuratoren Carl Kraus und Hannes Obermair die spezielle historische Situation Südtirols, in der nicht nur der Nationalsozialismus Einfluss nahm auf die Kunst und Künstler, sondern auch der Faschismus.

Während die Innsbrucker Schau noch nach Themen wie „Krieg“, „Betriebssystem Kunst“ oder „Widerstand“ gegliedert war, arbeitet sein Südtiroler Pendant mit Mythen als bildliche Motive. Etwa der „Mythos Mutter“, die als „Trägerin des Blutes der deutschen Rasse“ den Fortbestand des deutschen Volkes zu gewährleisten hatte. Auch im Faschismus erhob erst das Muttersein die Frau zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft. In künstlerischen Werken dieser Zeit wurde die Mutter heroisiert und mit Heimattreue- Symbolen überfrachtet: Davon zeugt nicht nur Carl Rieders „Stillende Mutter vor dem Schlern“, sondern auch die Skulptur von Viktor (Vittorio) Moroder da Jumbierch; das streng formschöne Relief „Faschistische Madonna“ mit Liktorenbündel, dem Machtsymbol des faschistischen Regimes. Moroder nahm gleich zweimal an den Bozner Biennalen teil, die Teil des Italianisierungsprogramms von Ettore Tolomei waren und als Pendant der „Gau-Kunstausstellungen“ fungierten, welche in der Ferdinandeums-Ausstellung plakativ-bedrückend neu installiert wurden.

Wer Vergleiche zwischen den Ausstellungen im Ferdinandeum und Schloss Tirol ziehen möchte: Durch die Gliederung in bildliche Motive ist die Südtiroler Schau der Kunst näher, in Innsbruck hat die Ausstellungsarchitektur das Narrativ besser mitgetragen. Da wandelt man auf Schloss Tirol noch durch dunkle Räume; erst jene mit entarteter Kunst werden in warmes Licht getaucht. Diese Abgrenzung wird auch in der umfangreichen Publikation beibehalten: Systemkunst erscheint dort in Schwarz-Weiß, Entartetes dagegen farbig.

Was beiden Initiativen eindrücklich gelingt, ist der Bezug zur Gegenwart – in Südtirol durch das Werk der jungen Künstlerin Julia Frank. Klar wird, es geht nicht um Schwarz-Weiß-Denken oder um Schuldzuweisungen. Sondern um das nachvollziehbare Aufzeigen von Strukturen und Mechanismen, die dazu führten, Kunst gezielt als Propaganda-Instrument zu missbrauchen. Ob diese Kunst auch Teil der Moderne ist, muss der Besucher dann selbst für sich entscheiden.