Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 14.06.2019


Ferdinandeum

Durch die heilige Pforte in digitale Untiefen

Popkultur wird Untersuchungsgegenstand: Mit „Trash Mysticism“ von Karin Ferrari zeigt das Ferdinandeum seine Lust auf Zeitgenössisches.

Karin Ferraris Arbeit „Decoding Taylor Swift’s Look What You Made Me Do“ entstand für ihre aktuelle Schau im Ferdinandeum.

© FerrariKarin Ferraris Arbeit „Decoding Taylor Swift’s Look What You Made Me Do“ entstand für ihre aktuelle Schau im Ferdinandeum.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Wussten Sie, dass Apple mit seinem Logo auf die verbotene Frucht des Baums der Erkenntnis anspielt? Und dass das iPhone XS sich mit dem Preis von 999 Dollar auf den Preis des ersten Apple-Computers bezieht, der 666 Dollar kostete? Und für was die 666 steht, das wissen Sie. Alles andere, „the whole truth“, die ganze Wahrheit also, weiß Karin Ferrari. Seit 2011 frönt die Künstlerin mit ihrer Videoserie „Decoding (The Whole Truth)“ der Faszination von Verschwörungstheorien und alternativen Fakten – indem sie sich selbst deren Methodik bedient.

Zwei ihrer experimentellen Dokufiktionen sind seit gestern in den Studiogalerie-Räumen des Innsbrucker Ferdinandeums zu sehen. Dort, an die barocke Sammlung grenzend, breitet die Südtirolerin ihr gleichsam überbordendes Universum okkulter Symbole und nachvollziehbarer ebenso wie absurder popkultureller Referenzen aus. Dieses Vokabular überzeugte nicht nur die Filmförderschiene „Pixel, Bytes & Film“, die 2016 Ferraris Untersuchung von versteckten Botschaften in „Zeit im Bild“-Intros subventionierte, sondern auch die Jury des RLB-Kunstpreises, der 2018 an Karin Ferrari ging – und der ihr nunmehriges Solo im Ferdinandeum erst ermöglichte.

Die Schau „Trash Mysticism“ bedeutet für das Museum ein Einlassen auf unerhört zeitgenössische Kunst, stößt Ferrari mit ihren Arbeiten doch in die Untiefen des Digitalen vor und ein Nachdenken über vermeintlich gesetzte Wahrheiten an: In Zeiten von Fake News geht es kaum aktueller.

Der Humor bleibt dabei aber nicht außen vor: Wenn die nüchterne Stimme aus dem Off das Video „Look What You Made Me Do“ von Popstar Taylor Swift bis auf die schlüsselförmigen Ohrringe der Tänzerin durchinterpretiert, kann man sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Bei Ferrari gilt: Aufmerksamkeit schafft Realität. Über eine Milliarde Klicks hat das Musikvideo auf Youtube – aber nur Karin Ferrari hat es derart erschöpfend seziert. Ihre Referenzen auf vermeintliche Geheimgesellschaften, die sagenumwobenen Illuminati zum Beispiel, scheinen dabei nur auf den ersten Blick absurd. Auf den zweiten immerhin möglich. Wer weiß schon, was wahr ist?

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Blick in die von Rosanna Dematté kuratierte Ausstellung.
Blick in die von Rosanna Dematté kuratierte Ausstellung.
- Lackner

Um den Wahrheitsgehalt geht es Ferrari aber nicht. Es geht vielmehr um das reizvolle Spiel mit alternativen Perspektiven, mit der Wirkkraft des Möglichen. Relevant ist, was emotional berührt. Und Überhöhung ist bei Ferrari Programm. Eine pyramidenförmige Installation wird zur Pforte, durch die man in ihre pseudosakrale Welt schreitet. Natürlich fungiert ein überdimensionales iPhone als geheiligtes Displayelement für das erstes Video. Hier müssen alternative Fakten nicht nur gefährlich sein, sondern sind auch Spielzeug für Kreativität. Dass sich auch das Ferdinandeum spielfreudig zeigt (siehe die dazugehörige Publikation), ist umso erfreulicher.