Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 24.06.2019


Kunst

Neue Landesgalerie NÖ: Donauprinzessin im Paillettenkleid

Außergewöhnliche Bauskulptur und Ort der Kunst: ein Besuch in der neuen Landesgalerie Niederösterreich und ein Treffen mit dem aus Südtirol stammenden Kurator Günther Oberhollenzer.

Neues Wachau-Juwel: Die programmatischen Eröffnungs-Schauen der Landesgalerie Niederösterreich laden bis weit ins Jahr 2020 zum Kennenlernen des auch architektonisch attraktiven Hauses ein.

© martemarte_kunstmeilekremsNeues Wachau-Juwel: Die programmatischen Eröffnungs-Schauen der Landesgalerie Niederösterreich laden bis weit ins Jahr 2020 zum Kennenlernen des auch architektonisch attraktiven Hauses ein.



Von Bernadette Lietzow

Wien, Krems – Leuchtturm, Landmark, Meilenstein: Objekt der Verzückung, von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner abwärts, ist die Ende Mai mit einem zweitägigen Fest eröffnete Landesgalerie Niederösterreich als neue Herberge für die Kunstwerke der Landessammlungen Niederösterreich. Superlative machen misstrauisch. Abhilfe schafften ein Lokalaugenschein und eine Begegnung mit Günther Oberhollenzer, Kunsthistoriker und als einer der leitenden Kuratoren des jüngsten Hauses der Kunstmeile Krems verantwortlich für „Sehnsuchtsräume“ und die Heinz-Cibulka-Schau „bin ich schon ein bild?“, zwei der fünf Eröffnungspräsentationen.

Apropos Landmark: Diese Charakterisierung gilt allemal der Außenhaut des Museums, immerhin schufen Marte.Marte Architekten mit ihrem im Sinn des manieristischen Konzepts der Figura serpentinata gedrehten und je nach Ansicht würfeligen oder pyramidalen Baukörper ein eindrückliches Gebäude. Als „Tänzerin von Krems“ bezeichnete Elke Delugan-Meissl, Juryvorsitzende des 2015 entschiedenen EU-weiten Architekturwettbewerbs, diesen 35 Millionen Euro teuren Bau, dessen 7200 silbrige Titan-Zink-Schindeln mehrfach schon den Vergleich mit einem Paillettenkleid, siehe Tänzerin, strapazierten. Insgesamt 3000 Quadratmeter, verteilt auf Erdgeschoß und drei Obergeschoße, stehen der Kunst zur Verfügung.

Über das Souterrain wurde eine direkte Verbindung zur Kunsthalle Krems geschaffen, die wohl auch dazu dienen soll, vorhandene Berührungsängste mit den sperrigeren Inhalten dieses Hauses für zeitgenössische Kunst etwas zu mindern. Wird nun in den bis auf den Terrassenausschnitt im obersten Stock lichtlosen Räumen die Kunst zum Tanzen gebracht? Man tendiert dazu, das eher zu verneinen, hat man doch den Eindruck, dass die Kunst immer wieder in Deckung geht vor der mächtigen Hülle. Notwendige und aufgrund des Sammlungsschwerpunktes auf Tafelbild-Formate geforderte Stellwände produzieren eine erkleckliche Anzahl toter Winkel – eine kuratorische Herausforderung, wie der 1976 in Brixen geborene Günther Oberhollenzer zugibt. „Es gibt Ecken, wo es gut aufgeht, und Ecken, wo es sich auch ein bisschen spießt. Erst am großen Modell haben wir gemerkt, dass das ja keine Schrägen in dem Sinn sind, sondern sogar gedrehte Wände, wo jeder Meter anders aussieht.“ Inhaltlich versteht sich die Landesgalerie Niederösterreich, so der künstlerische Direktor Christian Bauer, als „kultureller Nahversorger“ für die Region wie auch für die vielen Besucher des Tourismusmagnets Wachau. Insofern setzen sowohl Bauer mit der von ihm gestalteten, mit der Idee des allgegenwärtigen „Selfie“-Booms spielenden Ausstellung „Ich bin alles zugleich. Selbstdarstellung von Schiele bis heute“ als auch die erwähnte Schau „Sehnsuchtsräume. Berührte Natur und besetzte Landschaften“ auf Kunstgenuss abseits des Elitären. „Ich sehe mich gerade als Kurator als Kunstvermittler und versuche, einen assoziativen, lebensnahen Zugang zu den Kunstwerken zu schaffen“, beschreibt Oberhollenzer sowohl sein Konzept als auch das des Hauses.

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- Landesgalerie NÖ

Dass entlang dieser Maxime mit den Sammlungs-Schätzen und großen Namen von Schiele und Kokoschka über Rainer, Lassnig, Nitsch bis zu Elke Krystufek und Jonathan Meese nicht gegeizt wird – auch wenn deren Werke nur äußerst „assoziativ“ in die Themen eingepasst werden können –, sei dahingestellt. Entdeckungen hält der sehr leichtfüßige „Erlebnisparcours“ (Christian Bauer) in Sachen Kunst allemal bereit.

Als Coup darf man wohl die erste museale Einzelpräsentation von Renate Bertlmann, Österreichs Vertreterin bei der diesjährigen Venedig-Biennale, bezeichnen: Bis Ende September zeigt die Künstlerin in der von ihr zusammengestellten Ausstellung neue wie maßgebliche Werke seit den 1970er-Jahren.