Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 16.07.2019


Kunst

Thomas Schütte im Kunsthaus Bregenz: „Männer, die liegen, sind tot“

Fast so etwas wie eine kleine Retrospektive von Thomas Schütte im Kunsthaus Bregenz. Der deutsche Bildhauer zeigt Zwei- und Dreidimensionales aus drei Jahrzehnten.

Thomas Schüttes mit rotem Chamäleon-Lack überzogene „Aluminiumfrau Nr. 12“ von 2007, umhängt von 2017 entstandenen „Fake Flags“ aus glasierter Keramik.

© markus tretterThomas Schüttes mit rotem Chamäleon-Lack überzogene „Aluminiumfrau Nr. 12“ von 2007, umhängt von 2017 entstandenen „Fake Flags“ aus glasierter Keramik.



Von Edith Schlocker

Bregenz – Der deutsche Bildhauer Thomas Schütte ist ein genialer Untertreiber. Wenn er fast gelangweilt sagt, dass er mit den monumentalen Skulpturen, die er aus seinem Depot ins Kunsthaus Bregenz gekarrt hat, eigentlich nur sehr wenig zu tun hat. Sei sein Beitrag dazu doch „nur“ kleine Bozzetti, deren zig-fache Vergrößerung per Scan er meisterhaften Gießern überlassen habe. Doch allein die Tatsache, dass diese kleinen skulpturalen Entwürfe dieser Potenzierung standhalten, ist ein Beweis für die Meisterschaft des inzwischen 65-Jährigen. Einem Schüler des Malers Gerhard Richter, der nicht nur dreimal bei der documenta dabei war, sondern an den ersten Kunstadressen weltweit ausstellt.

2021 wird ihm das New Yorker Museum of Modern Art eine große Retrospektive widmen, so etwas wie eine kleine ist allerdings Schüttes derzeitige im Kunsthaus Bregenz. Wo der Künstler auf dessen vier Ebenen jeweils ein bis zwei Facetten seines in den vergangenen drei Jahrzehnten entstandenen zwei- wie dreidimensionalen Werks ausbreitet.

In dessen Betrachtung man am besten im obersten Geschoß einsteigen sollte. Wo Thomas Schüttes tonnenschwere, teilweise knapp dreieinhalb Meter hohe „Männer im Wind“ aus malerisch patinierter Bronze stehen. Ob die in weite Mäntel gehüllten, formal diffusen Figuren in einem undurchdringlichen Schlamm waten oder gar einzementiert sind, ist die Frage. Gefangene sind sie auf alle Fälle, jede von ihnen ist allein, wem oder was sie zu entkommen versuchen, bleibt offen. Umhängt sind die archaisch wuchtigen Skulpturen von kleinen Bildnissen von Blues-Sängern, die Schütte leichtfingrig „in drei Minuten“ von Screens abgemalt hat.

Einen Stock tiefer hat Thomas Schütte Skulpturen, die wie Architekturmodelle daherkommen, auf große Tische gelegt. Darunter „Mein Grab“ von 1981, das als rotes Häuschen und als gerahmtes Bild zu sehen ist, genauso wie möbelartig gestaltete „Ferienhäuser für Terroristen“, ein fensterloses „Haus für den schüchternen Verleger“, kleine „Bunker“ oder das „Basement III“, eine hölzerne, in den Boden gegrabene Negativarchitektur. Sowie das Modell seiner Neusser Skulpturenhalle, die als Einziger von Schüttes Architekturentwürfen nicht zuletzt auch als Depot für seine eigenen Werke realisiert worden ist.

„Im Gegensatz zu Frauen sind Männer, die liegen, tot“, sagt Schütte in einem Ton, in dem viel Ironie mitschwingt. Die aus Aluminium, Bronze oder Stahl gegossenen, teilweise mit changierenden Lacken überzogenen, mehr oder weniger amputierten Frauenkörper, die der Künstler auf massive Sockel gelegt hat, berühren durch ihre Ambivalenz. Sind ihre Posen doch eindeutig erotisch konnotiert, obwohl es nicht klar ist, ob sich die räkelnden Torsi nicht vor Schmerzen winden, sich ob ihres Geschundenseins krümmen. Dass Schütte die Skulpturengeschichte der klassischen Moderne gut kennt, ist unübersehbar, erinnern so manche Details doch unübersehbar an Picasso, Maillol oder Moore.

An den Wänden hängen hier Flaggen, reale – wie die deutsche – und fiktive. Gemacht aus Keramik, deren Glasuren alles andere als zufällig farbig „verschmutzt“ sind. Ins Erdgeschoß des Bregenzer Kunsthauses hat Thomas Schütte eine eigenartig schiefe Hütte – die eigentlich eine Bibliothek sein sollte – gestellt und riesige plakative Holzschnitte gehängt. Und sozusagen als „Wachhund“ hat er vor das Kunsthaus ein fabelhaftes, zwei Tonnen schweres „Drittes Tier“ gestellt, gebaut auf Basis eines kleinen Fimo-Modells. Kinder werden es lieben.