Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.07.2019


Bezirk Imst

Pitztalerinnen waren Foto-Pioniere

Mit seinem jüngsten Werk „Wanderjahre. Ein Beitrag zur Geschichte der Fotografie im alpinen Raum“ setzt sich der Strader Autor Willi Pechtl mit der frühen Geschichte der Fotografie auseinander.

Willi Pechtl mit seinem jüngsten Werk über die frühen Jahre der Fotografie.

© DornWilli Pechtl mit seinem jüngsten Werk über die frühen Jahre der Fotografie.



Von Agnes Dorn

Pitztal – Es sind fast unglaubliche Geschichten, denen der Sammler, Archivar und Dokumentarautor der Fotografie-Geschichte Willi Pechtl da nachgeht: von Frauen, die im frühen 19. Jahrhundert vom Pitztal aus in die weite Welt aufbrachen, um sich mit der Fotografie ein gutes Geld zu verdienen. Von Pionieren, die kistenweise Hühner mit auf Fotoexpeditionen nahmen, da sie für die Entwicklung der Bilder Hühnereiweiß benötigten. Und von jungen Bergbauernburschen, die sich mit einer Technik auseinandersetzten, die selbst den meisten europäischen Großstädtern noch nicht vertraut war. „Vor allem die Frauen haben in der Fotografie eine Chance gesehen, dass sie diese Tätigkeit erlernen und mit ihr Geld verdienen können“, beschreibt Pechtl, wie dieses Handwerk schon in seinen frühen Jahren ab 1839 den Siegeszug durch ganz Europa antreten konnte. „Vermutlich durch ihre häusliche Behutsamkeit haben sich die Frauen damals leichter getan, die Motive zu arrangieren. Bauernfotografie zum Beispiel ist ja schon fast Choreografie“, verweist Pechtl auf den hohen Kunstgehalt dieser frühen Bilder.

Im Rahmen seiner Recherche und seiner Bekanntschaft mit dem Sammler Hans Frank vom Fotomuseum im Kaiserpark von Bad Ischl stieß Pechtl auf die Geschichte jener Lentsch-Geschwister, darunter sieben Frauen, die vom Pitztal aus auszogen, um sich den Lebensunterhalt als Wanderfotografen zu verdienen. Jeweils zu zweit bereisten sie Deutschland, Frankreich, Bulgarien und Russland in diesen Jahren ihrer Wanderschaft, kamen vermutlich auf Empfehlung irgendwo unter und boten per Inserat ihre Dienste feil. Die Dunkelkammer musste zumindest bis zu deren Weiterentwicklung im Jahr 1865 an Ort und Stelle mitgetragen werden. Mit dem verdienten Geld ermöglichten die Geschwister Lentsch zunächst ihrer Mutter (der Vater war bereits verstorben), das Wohnhaus in Amishaufen oberhalb von Wenns abzuzahlen, und sicherten sich selbst und ihren Nachkommen ein halbwegs solides Einkommen.

Es sind Fragmente der frühen Fotografie-Geschichte von 1840 bis 1914, die Pechtl in seinem jüngsten Werk gekonnt in Szene setzt – neben autobiografischen Texten (wie jenem der Lentsch-Nachfahrin Paula Risch), Berichten von Zeitzeugen und Nachkommen (wie Theresia Grassl, der 1902 im Weiler Grenzstein geborenen Tochter eines Zimmermanns), Briefen, Interviews (wie jenem mit der Schauspielerin Julia Gschnitzer oder der Kunsthistorikerin Silke Mellin) und den Erzählungen Pechtls sind es die wunderbaren Abbildungen, die dem Leser Einblick gewähren in diese längst vergangene Zeit. 270 dieser frühen Werke – darunter zahlreiche Daguerreotypien und Ambrotypien – legen beispielhaft Zeugnis ab von einer Zeit, in der die fotografische Abbildung als Handwerk noch einigen wenigen vorbehalten und dementsprechend teuer und aufwändig zu bewerkstelligen war.

Seit fast vier Jahrzehnten ist Willi Pechtl als passionierter Sammler alter Fotografien tätig und konnte so zu seinem neuesten Werk rund 90 Prozent der Abbildungen beisteuern. Der Rest sind Leihgaben wie jene des Innsbrucker Kunstfotografen Heinrich Kühn. Neben seiner Arbeit als Sammler und Dokumentarist ist der Strader Künstler Willi Pechtl durch seine Arbeit als Grafiker, Fotograf, Dokumentarfilmer und Ausstellungsgestalter bekannt. Das nun vom Studia-Verlag veröffentliche Werk „Wanderjahre. Ein Beitrag zur Geschichte der Fotografie im alpinen Raum“ ist das jüngste einer Reihe von Büchern zur Fotografie- und Alltags-Geschichte, an denen Pechtl als Herausgeber oder Mitherausgeber maßgeblich beteiligt war. Lesungen zu dem Buch wird der Autor im Herbst abhalten, so am 19.9. in der Studia-Buchhandlung in Innsbruck, am 26.9. in der Landesbibliothek Vorarlberg sowie im Oktober im Turmmuseum und im November in der Tyrolia Imst.