Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.08.2019


Innsbruck

Kunst vor Innsbrucker Spitalskirche: „Es braucht Brücken statt Mauern“

Mit einer spektakulären Kunstintervention in und vor der Innsbrucker Spitalskirche möchte Alois Schild zur Diskussion über Flucht, Abgrenzung und Menschlichkeit anregen. Die Kirche unterstützt die „klare Botschaft“.

„Rettungsgasse“ im Kirchenraum: Künstler Alois Schild, BM Georg Willi, Brigitte Schild, Bischof Hermann Glettler und Bischofsvikar Jakob Bürgler (v. l.) präsentierten die Installation in der Spitalskirche.

© Domanig„Rettungsgasse“ im Kirchenraum: Künstler Alois Schild, BM Georg Willi, Brigitte Schild, Bischof Hermann Glettler und Bischofsvikar Jakob Bürgler (v. l.) präsentierten die Installation in der Spitalskirche.



Von Michael Domanig

Innsbruck – Unter den zahlreichen Passanten, Touristen und Kirchenbesuchern in der Maria-Theresien-Straße hat sie gestern bereits für Neugier, Irritation und angeregte, teils kontroverse Diskussionen gesorgt: Die Aufsehen erregende künstlerische Intervention von Alois Schild in und vor der Innsbrucker Spitalskirche wirkte damit schon vor der offiziellen Eröffnung ganz im Sinne des „Erfinders“.

An der Außenwand der Kirche hat der Kramsacher Künstler seinen „Prototyp der neuen Dimension“ platziert, eine monumentale Skulptur aus Stahlplatten samt Betonsockel, acht Meter hoch und insgesamt sechs Tonnen schwer. Das Werk war heuer schon im Zuge des Internationalen Filmfestivals (IFFI) vor dem Innsbrucker Leokino zu sehen – damals allerdings in Schräglage, erst jetzt zu voller Höhe aufragend. Das passt: Schließlich stellt der Turm ein Segment einer riesigen Mauer dar. Konkret orientierte sich Schild in der Proportion und dem Verhältnis der Materialien an der von US-Präsident Donald Trump geplanten Mauer zu Mexiko, von Trump zynisch als „big, beautiful wall“ gefeiert. Für Schild verkörpert das Werk denn auch „nackte Brutalität“ – wobei er froh ist, es nun in Endausfertigung zeigen zu können, noch dazu an einem so stark frequentierten Ort.

Im Maschendraht hängen Objekte, die gemeinsam mit Flüchtlingskindern entstanden.
Im Maschendraht hängen Objekte, die gemeinsam mit Flüchtlingskindern entstanden.
- Domanig

Mit der Mauer korrespondiert im Kircheninneren der „Korridor der Barmherzigkeit“, ein zwölf Meter langes, bis zu fünf Meter hohes Stahlgestell im Mittelgang, bespannt mit Maschendrahtzaun.

Im und am Zaun hängen seltsam geformte Objekte, teils mit menschen- und tierähnlichen Formen. 2016 in einem Workshop mit Flüchtlingskindern aus acht verschiedenen Herkunftsländern entstanden, enthalten sie einerseits Dinge, die die Kinder aus ihrer Heimat mitgenommen haben (etwa Kleidung und Spielzeug), zum anderen Gegenstände aus Tirol. Mit Klebeband umwickelt, stellen sie für Schild eine Art „Zeitkapseln“ dar – und werfen die Frage auf, was aus den immer noch in Tirol lebenden Kindern geworden ist –, zugleich auch „Schutzpatrone“, wie sie jeder Mensch brauche. Der Korridor selbst teile zwar den Kirchenraum, so Schild, er sei aber transparent, ein Hoffnungssymbol: „Jeder von uns kann etwas tun, kann im eigenen Umfeld auf andere Menschen zugehen.“

Schild lobte die Diözese wie auch die Stadt Innsbruck in Person von BM Georg Willi für den Mut, ein solches Kunstprojekt zuzulassen.

Bischof Hermann Glettler verwies darauf, dass das Außenobjekt regelrecht an der Kirchenfassade „klebt“. Dies sei nicht nur den Vorgaben der Stadt geschuldet, sondern stimmig: So werde das Objekt zum Symbol für Verdrängung, für das Gefühl, wenn einem der Raum zum Atmen genommen wird, für Menschen, „die an die Wand gefahren werden, die keinen Freiraum, keine Lobby haben“.

Gestänge und Zaun seien „überraschend und störend“ im sonst einladenden Kirchenraum, meint Glettler. Sie stünden aber nicht nur für Grenzzäune und Barrieren in aller Welt, den Versuch, „Wohlstandszonen abzuschotten“: Der Korridor sei auch eine „Rettungsgasse“, nicht zufällig führe der Mittelgang zu Altar und Pfingstbild. Solche sicheren Korridore brauche es, auch ganz konkret im Mittelmeer, damit Menschen nicht vor den Toren Europas „unwürdig verrecken“ müssten.

„Menschen bauen Mauern und Türme, um andere von sich fernzuhalten“, meinte Bischofsvikar Jakob Bürgler, Rektor der Spitalskirche. Er erinnerte an nicht allzu weit zurückliegende Pläne, auch in Österreich Zäune gegen Flüchtlinge aufzubauen. Die Botschaft der Kunstintervention, die zwei Monate stehen bleiben wird, sei klar, auch im Hinblick auf den Nationalratswahlkampf: „Es braucht Brücken statt Mauern.“

Außen an der Kirchenfassade „klebt“ ein acht Meter hoher Stahlturm, der die Dimension von Donald Trumps Mauerbauplänen begreifbar macht.
Außen an der Kirchenfassade „klebt“ ein acht Meter hoher Stahlturm, der die Dimension von Donald Trumps Mauerbauplänen begreifbar macht.
- Domanig