Letztes Update am Di, 13.08.2019 06:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Interview

Stardesigner Stefan Sagmeister: „Möchte näher zum Nutzlosen hin“

Stardesigner Stefan Sagmeister ist nächste Woche in Tirol zu Gast. In seiner Wahlheimat New York trifft man ihn online an: ein Mailverkehr über Schönheit und Glück.

Designer und Künstler? Sagmeisters Ausstellung „Beauty“ war bereits im MAK in Wien zu sehen.

© SagmeisterDesigner und Künstler? Sagmeisters Ausstellung „Beauty“ war bereits im MAK in Wien zu sehen.



Sie gaben kürzlich bekannt, dass Sie sich aus den kommerziellen Geschäften zurückziehen möchten. Werden Sie sich erneut verstärkt der Schönheit in Ihren Projekten oder einem anderen Thema widmen?

Stefan Sagmeister: Die Schönheit wird eine große Rolle spielen. Die Ausstellung, die in Wien begonnen hat, wird in den nächsten Jahren viel reisen, sie ist derzeit in Frankfurt und wird dann, nach Hamburg, auch in meine Heimatstadt Bregenz kommen – das erste Mal, dass eine Ausstellung von uns in Bregenz gezeigt wird. Danach sind Stopps in Frankreich und danach Asien geplant. 

Dürfen wir uns auf weitere Ausstellungen einstellen? 

Sagmeister: Ich glaube nicht, dass die Welt jedes Jahr eine Ausstellung von mir braucht. 

Würden Sie sich als Künstler bezeichnen oder als Designer?

Sagmeister: Ich bin Designer. Die Dinge, die ein Designer gestaltet, sollten funktionieren, Kunst muss das nicht, die darf einfach nur sein. Ich möchte mich näher zum Nutzlosen hin und weg von der reinen Funktion bewegen.

Übt Hässlichkeit keinen Reiz auf Sie aus? Wie würden Sie sie definieren?

Sagmeister: Ich kann die Schönheit auch als „formale Intention“ beschreiben, dazu kann auch das Hässliche gehören. Wir mögen das gewollt Hässliche gern, wir schätzen es sehr. Der größte Teil von allem, was hässlich in dieser Welt ist, ist nicht hässlich, weil es jemand so wollte; es ist hässlich, weil es jemandem egal war. 

Sie meinten, ein Verzicht auf Schönheit wäre dumm – wie wird Ihrer Meinung nach Architektur oder Design schöner?

Sagmeister: Indem wir, das heißt Auftraggeber, Designer und Architekten, die Form wieder ernst nehmen und die Schönheit als ein Ziel in den Gestaltungsprozess mitaufnehmen. Dinge werden (leider) nicht von selbst schön, sie müssen mit viel Liebe, Saft, Kraft und Herzensblut so gestaltet werden.

Können wir uns an Schönem sattsehen oder verändert sich nur unser Ideal von Schönheit dauernd?

Sagmeister: Werden wir dem Schönen überdrüssig? Geht es mir in Rom besser als in Pittsburgh? Eine ausgezeichnete Frage und leider weiß ich die Antwort darauf noch nicht. Aber das wäre eine interessante Frage für die Forschung. Und: Gewöhnen wir uns an das Hässliche?

Auffällig an Ihrer Ausstellung „Beauty“ war, wie Ihre Social-Media-Kanäle bespielt wurden; es gab kurze Clips, in denen Sie sich Internet-Phänomenen bedienten.

Sagmeister: Es wäre außergewöhnlich stumpfsinnig, wenn eine zeitgenössische Ausstellung über die Schönheit die zeitgenössischen Medien, in denen Ästhetik eine Rolle spielt, ignorieren würde. 

Wie hat die Technologie Design beeinflusst? Was gibt es für neue Ansprüche?

Sagmeister: Die Erneuerung im Design war immer von technischen Erfindungen beeinflusst, angefangen beim Buchdruck bis zur digitalen Revolution, die großen Wandlungen kamen durch neue Technologie. 

Sie meinten auch, dass Schönheit nachhaltig sei; was kann Design abseits von Schönheit zur besseren Nachhaltigkeit von Produkten beitragen? Ist die soziale Komponente im Design/Architektur nicht aktuell die Wichtigste?

Sagmeister: Ja, schöne Dinge sind viel nachhaltiger, weil sie sorgsamer behandelt werden (und öfters repariert werden) als hässliche. Ich glaube, dieser Aspekt wird in der Nachhaltigkeitsdiskussion stark unterbewertet: Das nachhaltigste Gebäude der Welt ist das Pantheon in Rom, das seit 2000 Jahren ununterbrochen verwendet wird, das heißt pro Person und Stunde den größten Nutzen hervorgebracht hat. Es tat dies durch seine Schönheit, es wurde wegen seiner wunderbaren Form nie abgerissen – obwohl Bernini das Kupferdach des Pantheons für seinen Baldachin im Petersdom wiederverwendete.

Was trennt Schönheit vom Kitsch?

Sagmeister: Wenn ich etwas so oft gesehen habe, dass es mir unehrlich erscheint, dann empfinde ich dies als Kitsch: Sonnenuntergänge vor Palmen, Katzenbabys auf Rosarot sind aber an sich nicht unehrlich. Wir kennen sie nur zu gut. 

Bei Ihrem Vortrag in Mayerhofen wird es, wie schon in Ihrem „Happy Film“, um Glück gehen. Wie würden Sie Glück für sich definieren?

Sagmeister: Mein Lieblingsversuch zu einer Definition teilt das Glück nach Zeitdauer ein: Da gibt es das ganz kurze, wie den sekunden-langen Glücksmoment, ein mittellanges Glück wie die Zufriedenheit (kann stundenlang anhalten, Hedonismus gehört da dazu) und das ganz lange Glück: das zu finden, was man mit seinem Leben machen will, den Lebenszweck.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner

Sagmeister live:

Vortrag: Unter dem Motto „Glück = Erfolg / Erfolg = Glück?“ ist Stefan Sagmeister am 22. August im Europahaus in Mayerhofen zu Gast. Infos und Tickets: europahaus.at.

Ausstellungen:

Die Schau „Beauty“ von Sagmeister & Walsh ist aktuell noch bis 15. September im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen.