Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 16.08.2019


Forum Alpbach

Der Natur des Menschen in Alpbach auf der Spur

Kultur hat beim Europäischen Forum Alpbach mehr als nur eine Alibifunktion: Verhandelt werden die großen Fragen des Menschseins per Reiskorn, Fotografie und Video genauso wie tonnenschwerer Skulptur.

Von „Stan’s Cafe“ im Schulhäusl ausgebreitete Reishäufchen.

© Ed DimsdaleVon „Stan’s Cafe“ im Schulhäusl ausgebreitete Reishäufchen.



Von Edith Schlocker

Alpbach – Während man bei vergangenen Alpbacher Foren oft das Gefühl hatte, dass Kunst an einem Ort, an dem die ganz großen Fragen der Zeit verhandelt werden, nicht viel mehr als ein hübscher Aufputz ist, kommt diesmal niemand an ihr vorbei. Jedenfalls nicht an der des Südtiroler Bildhauers Lois Anvidalfarei, durch dessen monumentale, direkt vor dem Haupteingang des Congress Centrums aufgebaute „Baustelle Conditio Humana“ jeder, der in dieses hinein- bzw. herauswill, leibhaftig durchmuss. Um auf diese Weise für eine kurze Zeit zum Teil der Installation zu werden, direkt mit den in einem rostigen Gerüst hängenden oder kauernden überlebensgroßen, in Bronze gegossenen Figuren konfrontiert zu werden. Sie sind nackt, zurückgeworfen auf sich selbst, schutzlos der Welt ausgesetzt.

So archaisch wuchtig die Handschrift Anvidalfareis ist, so subtil ist die der britischen Theatercompany „Stan’s Cafe“, die im Alpbacher Schulhäusl ihre delikate Arbeit zeigt. Unterschiedlich große weiße Papiere, eine Waage und viele Säcke mit Langkornreis sind die banalen Materialien für ihre ebenso subtile wie eindrucksvolle Installation „Of All The People In All The World“. Die eindrucksvoll vorführt, wie viel mehr uns ein Haufen von Reiskörnern als eine nackte Zahl zu sagen vermag. Der Haufen, bei dem es etwa um die weltweit Inhaftierten geht, ist sehr groß, fast so groß wie jener, der die jährlichen Besucher der New Yorker Freiheitsstatue abbildet. Die Häufchen, die mit der Zahl der Migranten, die in den vergangenen Jahren nach Österreich gekommen sind bzw. Österreich verlassen haben, zu tun haben, sind fast gleich klein. Jene, bei denen es um Fragen von Menschenrechten geht, sind dagegen winzig. So klein, dass die Reiskörner nicht gewogen, sondern händisch ausgezählt worden sind.

Im Congress Alpbach: Ruth Beckermanns Installation „europamemoria“.
Im Congress Alpbach: Ruth Beckermanns Installation „europamemoria“.
- EFA/Yeroshko

Politisch bewegt kommt auch die Arbeit daher, die Ruth Beckermann im Congress Centrum zeigt. Die Wiener Filmemacherin lässt in ihrer bereits 2003 entstandenen Installation „europamemoria“ 24 Männer und Frauen zu Wort kommen, die in Europa leben, ihre Wurzeln aber woanders haben. Die meisten von ihnen haben ihre Heimat unfreiwillig verlassen, wurden durch Kriege, ethnische Zugehörigkeiten oder politische Umstände gezwungen, ihre Koffer zu packen. Als Metapher für diese Aufbrüche hat Beckermann vier riesige Reisetaschen zu Sitzgelegenheiten umfunktioniert, um den Geschichten der sich Erinnernden zu lauschen, in denen es um Trauer und Hoffnung, Verlust und Gewinn gleichermaßen geht.

Direkt in die Gesichter ihrer Gegenüber schaut auch die legendäre Wiener Fotografin Elfie Semotan, die in Alpbach zwei für ihre sehr spezielle Art der Annäherung an Menschen typische Serien zeigt. Bei „Painted Contacts“ handelt es sich um extravagante Porträts von Künstlern wie Martin Kippenberger, Franz West, Daniel Richter, Walter Obholzer oder Herbert Brandl, die letztlich auf Gesten und Gesichtsausdrücke reduzierte, wunderbar demaskierende Psychogramme sind. Nicht zuletzt durch die bunten Striche, mit denen Semotan die nun ins Großformat aufgeblasenen Kontaktabzüge markiert hat. In zwei weiteren Serien hält die Fotografin Wutausbrüche junger Frauen fest. Sozusagen die Entladung eines Vulkans, das An- und Abschwellen eines inneren Brodelns. Letztlich um das Festhalten von Zeit in mehreren expressiven Sequenzen.

Lois Anvidalfareis „Conditio Humana“.
Lois Anvidalfareis „Conditio Humana“.
- schlocker

Der auf der Wiese am Dach des Kongresshauses stehende, von den Lehrlingen der Fachberufsschule für Holzbautechnik gebaute Pavillon, in dem man im vergangenen Jahr in 25.000 Kunststoffbällen „baden“ konnte, hat sich heuer zum viel frequentierten Diskussionsort gewandelt. Gut aufpassen sollte der Alpbach-Besucher während der kommenden zwei Wochen aber um zwölf Uhr mittags. Um nicht eine der acht „Bal­cony Scenes“ zu versäumen, die Studenten der Londoner Royal Academy of Dramatic Art am Balkon des Gemeindeamts performen werden und in denen es um Themen wie Freiheit und Sicherheit gehen wird.

Nicht zu kurz kommt auch der Musikfreund in Alpbach. Anlässlich der offiziellen Eröffnung des Forums am Sonntag spielt die R.E.T. Brass Band „Framework“ von Christoph Dienz und „Alpine Musik“ u. a. der Knoedel gibt es bereits morgen im Congress zu hören.