Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 23.08.2019


Kunst

“Dark Codecs“: Surfend in den Untergang

Hans Weigand in der Reither Galerie Schmidt. Die „Dark Codecs“ des weltweit umtriebigen Tiroler Künstlers erweisen sich als höchst kunstvolle Zeit- und Bedeutungscollagen.

Hans Weigands 2019 entstandener „Falling Surfer“ (Ausschnitt)

© weigandHans Weigands 2019 entstandener „Falling Surfer“ (Ausschnitt)



Von Edith Schlocker

Reith im Alpbachtal – Der Ehrgeiz des Reither Galeristen Gottfried Schmidt ist es, alljährlich anlässlich des fast nebenan in Alpbach stattfindenden „Europäischen Forums“ eine herausragende künstle­rische Position zu präsentieren. Und zwar eine von internationalem Renommee, im Idealfall mit Wurzeln in Tirol. Alle diese Vorzüge treffen auf den vor 65 Jahren in Hall geborenen Hans Weigand zu, weshalb es eigentlich erstaunt, dass der weltweit umtriebige Oberhuber-Schüler erst die Nr. 24 in der Reihe des obligaten spätsommerlichen Events der Galerie Schmidt ist.

Nach Reith hat der nach wilden Jahren, die er zu einem großen Teil in Kalifornien verbracht hat, in Burgenland sesshaft gewordene Künstler seine sehr speziellen „Kirchenfenster“ inklusive eines „Flügelaltars“ mitgebracht. Die mit „normalen“ Exponaten dieser Spezies allerdings absolut nichts zu tun haben, sieht man von einigen Details ab, etwa bei den wie gläsern daherkommenden „Fenstern“, was in Wirklichkeit aber mit Farbe zu tun hat, die wie Email gebrannt wurde. Dass dieser Vorgang einen gewissen Unsicherheitsfaktor mit sich bringt, mag Weigand. Freue er sich doch über jeden „Fehler“, jede „Störung“ seines inhaltlich wie formal extravaganten Kosmos.

In dem sich Versatzstücke aus den unterschiedlichsten Sphären tummeln. Sich verbinden zu einer metaphorisch aufgeladenen Kunstwelt, in der wie antike Götterstatuen daherkommende Figuren lustvoll auf riesigen Wellen surfen, einmal mit dem Kopf oben, einmal unten. Das Scheitern ist Teil dieser Kunst-Welt, in der sich die Leichtigkeit des Lebensgefühls des jungen, grenzgängig umtriebigen Weigand mit der Erfahrung des gereiften Künstlers paart. Der mit offenen Augen durch die Welt geht, um in seinen Bildern klare politische Statements höchst dekorativ zu verpacken. Verdichtet zu Zeit-und Bedeutungscollagen, die in ihrer Vielschichtigkeit ein weites Feld an Interpretationsmöglichkeiten offenlassen. Wenn Weigand etwa Kampfjets und Panzer in vollendeter Ästhetik in welligen Strukturen versinken lässt, Babylon in einen schlundartigen Abgrund gesaugt wird, Brücken in dramatischem Gestus gesprengt werden oder E-Gitarre spielende apokalyptische Reiter über eine von öden Hochhäusern und leeren Einkaufswägen verstellte, dem Untergang geweihte Welt jagen.

Er habe keine Angst vor Kitsch, sagt Weigand, der, obwohl ein „Kind“ der Pop Art, ein gewisses Pathos mag. Zelebriert in einer von ihm entwickelten sehr speziellen Variante ­des Holzdrucks. Bei der sich die unterschiedlichsten digitalen und analogen Techniken raffiniert überlagern. Basierend auf einem rund 1000-teiligen „Musterkasten“, aus dem sich Weigand bei der Komposition seiner Bilder bedient. Diese „Muster“ findet er in alten Büchern oder Kupfer­stichen genauso wie im Internet, um sie per digitales Druckverfahren zu bisweilen skurril daherkommenden Collagen zu verdichten.

Auf Leinwänden, in denen Gemaltes und Gedrucktes, Abbild- und Sinnbildhaftes zu einer Einheit verschmelzen oder auf hölzernen Druckstöcken. In einem aufwändigen Prozess wird das Gedruckte aquarellierend mit einer gern pastelligen malerischen Ebene überlagert, bevor Weigand in einem finalen Akt zum Schnitzmesser greift, um das Sujet mit einem mustrig-welligen Linearement zu überziehen.

Galerie Schmidt. Neudorf 40, Reith im Alpbachtal; bis 12. Oktober, Mo—Fr 10—12, 15—18 Uhr, Sa 10—12 Uhr.