Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 06.09.2019


Kunst

Das Prinzip Körpergehäuse: Maria Lassnig mit “Ways of Being“

Zum 100. Geburtstag von Maria Lassnig gewährt die Albertina mit „Ways of Being“ Einblick in das umfassende Werk der großen österreichischen Künstlerin.

„Selbstporträt mit Stab“ (1971), in dem Lassnig den Tod der Mutter thematisiert.

© Stiftung Maria Lassnig„Selbstporträt mit Stab“ (1971), in dem Lassnig den Tod der Mutter thematisiert.



Von Bernadette Lietzow

Wien – „Ich habe die Jahre nie gezählt. Ich war nie jung und jetzt bin ich nicht alt“, betonte Maria Lassnig, damals 93, ein Jahr vor ihrem Tod 2014. Dieses Zitat findet sich neben vielen anderen in der seit heute bis zum 1. Dezember laufenden Retrospektive „Ways of Being“, die die Wiener Albertina in Kooperation mit dem Stedelijk Museum Amsterdam zu Ehren des 100. Geburtstages Lassnigs am 8. September 2019 ausgerichtet hat.

Waren in Amsterdam neben über 200 Gemälden und Zeichnungen auch Skulpturen und ihr filmisches Schaffen präsent, so konzentriert man sich in Wien mit knapp 80 Bildern auf das malerische Werk, chronologisch präsentiert entlang der Schaffensperioden der Künstlerin.

In welchem Ausmaß für Lassnig „die Feder die Schwester des Pinsels“ ist, so der Titel der vom Schweizer Kurator und langjährigen Wegbegleiter Hans Ulrich Obrist herausgegebenen Tagebücher 1943 bis 1997, manifestiert sich schon im Frühwerk.

Begrüßt wird der Besucher vom 1945 entstandenen „Selbstporträt expressiv“. Da versuchen zarte Zeichnung und kräftiger Farbauftrag eine Symbiose im Sinn eines von ihr bald zugunsten neu entdeckter künstlerischer Ausdrucksformen überwundenen Expressionismus mit Referenzen an die progressiven Maler des Nötscher Kreises ihrer Kärntner Heimat.

Die sich selbst als „zeichnende Malerin und malende Zeichnerin“ charakterisierende Lassnig, deren Studienzeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien in die Zeit des Nationalsozialismus fiel, suchte die Konfrontation mit ihr vorenthalten gebliebenen internationalen Kunstströmungen, entdeckt in Parisaufenthalten das Informel als Inspiration der Abstraktion von Gegenstand und Körper als Linie und tritt in Wien in engen Kontakt mit der Wiener Gruppe sowie dem Kreis rund um die Galerie St. Stephan.

Die in „Ways of Being“ vertretenen Bilder „Kinderwagenform“ oder „Statische Meditation III“ entstanden Anfang der 50er-Jahre und stehen mit ihrer reduzierten, doch beredten Strichführung exemplarisch für diese Zeit.

Zentrale schöpferische Idee für Lassnig ist die Erforschung des „Körpergehäuses“. Auf der Suche nach einer „Realität, die mehr in meinem Besitz ist als die Außenwelt“ entwickelt sie die „Körperbewusstseinsmalerei“ als „nie zu erschöpfende Quelle“ ihrer beispiellosen künstlerischen Äußerung.

Anerkennung lässt lange, allzu lange, wie Lassnig in Interviews mit bitterem Witz betont, auf sich warten. Viele Jahre verbringt sie, unermüdlich schaffend, in Paris und im New York der 70er-Jahre, wo sie nicht mit Bildern, sondern mit Animationsfilmen große Wertschätzung erfährt.

Unzählige beeindruckend aussagekräftige wie ironische Kommentare zu Krieg, Geschlechterverhältnis und Befragungen der eigenen Person wie „Patriotische Familie“ (1963) oder „Woman Laokoon“(1976) entstehen, bevor Lassnig 1980, mit 61, an die Wiener Hochschule für angewandte Kunst berufen wird und documenta-Teilnahme, erste Einzelausstellungen und der Große Österreichische Staatspreis ihren Stellenwert als prägende Künstlerin auch „offiziell“ machen.

„Was weiter?“, fragt eines ihrer späten Bilder, bevor der Sensenmann im Werk „Vom Tode gezeichnet“ aus 2011 zum Pinsel greift, um sich dem Gesicht der Künstlerin zu widmen. Für Lassnig hatte das „Voran“, auch mit dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit, Bedeutung.

Keine Endlichkeit hat die Kraft ihrer Kunst.