Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 10.09.2019


Kunst

Sofia Dona im Kunstpavillon: Reisen um der Kunst willen

Migrationsgeschichten anders erzählt: Sofia Dona im Kunstpavillon in Innsbruck.

Start und Ziel, Nord und Süd: Künstlerin Sofia Dona setzt vor das zentrale Video „Voyageurs“ die Marmorarbeit „Pidgeon House“.

© JaroschStart und Ziel, Nord und Süd: Künstlerin Sofia Dona setzt vor das zentrale Video „Voyageurs“ die Marmorarbeit „Pidgeon House“.



Von Barbara Unterthurner

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Innsbruck – Sofia Dona hat sich für ihr aktuelles Ausstellungsprojekt ein ungewöhnliches Nischenwissen angeeignet. Im Rahmen von „Voyageurs“, eine Schau, die letzte Woche im Kunstpavillon der Tiroler Künstlerschaft eröffnet wurde, hat sich die Griechin u. a. mit dem Taubensport beschäftigt.

In so genannten Taubenrennen werden Tausende gezüchtete Vögel auf Reisen geschickt – nicht in die Ferne, sondern nach Hause. Und betritt der Besucher den Kunstpavillon, ist er auch schon mitten drin in einem der kuriosen Wettbewerbe: Das zentrale Video „Voyageurs“ im Hinterraum ist bereits beim Eingang zu erspähen und zeigt den Startschuss eines der Rennen: Aus einem Lkw, der mitten im flachen Land (genauer an der deutsch-polnischen Grenze) abgestellt wurde, strömen beim Öffnen der Luken insgesamt 3000 Tauben in die Freiheit. Mit nur einem Ziel: so schnell wie möglich in die Heimat zurückzukehren. Denn dafür wurden die Renntauben („Voyageurs“) gezüchtet und dafür bezahlen die Züchter eine beachtliche Startgebühr.

Während der Startschuss im Video in Zeitlupe geradezu zelebriert wird, ist der weitere Verlauf des Rennens erst dem beiliegenden Text zu entnehmen: 290 Kilometer werden die Tiere zurücklegen, das Mag­netfeld der Erde weist ihnen den Weg. Am Ende werden sie sogar noch schneller zu Hause, sprich in Hamburg, sein als der Lkw, der sie an den Start des Rennens gebracht hatte.

Dass Sofia Dona mit diesem Nischenwissen ein viel größeres Thema symbolisch umschreibt, wird mit der Übertragung ihres Motivs in den Ausstellungsraum klar: Die erzwungene Reise der Tauben wird einer erzwungenen Reise des Menschen, ja des Migranten, gegenübergestellt. Pikantes Detail: Renntauben dürfen weder Berge noch Meere queren, das Risiko, zu viele Tiere zu verlieren, ist in Anbetracht der Startgebühr zu hoch. Da drängt sich die Frage nach dem Wert eines Menschenlebens unwillkürlich auf.

Und auf derart ernüchternde Weise erzählt Dona in allen anderen ausgestellten Arbeiten noch weitere Migrationsgeschichten: „Alternative Brennero“ etwa fokussiert die Reise um der Reise willen: In Form einer Wolke sind hier neun Clips von Youtube-Usern angeordnet, die sich während der Überquerung der Alpen auf den eigenen Motorrädern filmen; nicht der Brenner, sondern andere Passstraßen werden befahren. Dass der Brenner aber nicht für alle Menschen eine Alternative darstellt, besonders nicht für jene, die vom Süden in den Norden flüchten, schwingt im Titel ebenso mit wie die gegenwärtige Transitproblematik. Sofia Dona bestreitet in sanft dahingleitenden Bildern eine tiefschürfende Reise um der Kunst willen.